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Die beiden Frauen frühstückten ausgiebig im „Schwarzen Café“ in Berlin. Sie saßen auf massiven Stühlen im Kolonialstil, deren hölzerne Armlehnen glatt und weich waren von den Berührungen vieler Hände, und schlürften aus großen Bols heißen Milchkaffee. In einer Ecke stand ein Kachelofen, der angenehme Wärme verströmte und die den Schnee auf ihren Stiefelspitzen tauen ließ. Buttercroissants dufteten ihnen vom ausladenden runden Tisch entgegen, an dem bequem zehn Personen Platz gehabt hätten. Stefanie freute sich darüber in Berlin zu sein. Jetzt hier mit Angela zu sitzen, die gerade eine Tageszeitung auf Wohnungen hin durchstöberte. Lächelte der Käsescheibe zu, die, auf einer Gabel balanciert, treffsicher den Weg zu ihrem Croissant fand. Drapierte die Scheibe darauf, lehnte sich zurück und biss herzhaft zu. Krümel fielen auf die Hose, die sie mit gleichgültiger Handbewegung weg fegte.
In sich horchend, spürte sie auch kaum noch Sehnsucht nach Clemens. Es tat fast nicht mehr weh, dass er sie, nach zwei Jahren Freundschaft, drei Monate zuvor verlassen hatte. Aber sie erinnerte sich noch gut an das schmerzliche Gefühl als er Schluss gemacht hatte. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie nicht um ihn, sondern um etwas getrauert hatte, dass sie nie besaß. Liebe kann man nicht besitzen, sondern nur fühlen und genießen solange sie dauert, stellte sie fest.
„Es gibt keine andere Frau, aber wenn ich erst Theatermeister bin und auf Tourneen gehe, muss ich ungebunden sein“, hatte er ihr wie aus heiterem Himmel erklärt. Blöde Ausrede! Der Mann ihres Lebens, er, der ihr ewige Liebe beteuert hatte, wollte plötzlich allein glücklicher sein, als mit ihr. Und das, obwohl sie angeblich das Beste war, was ihm im Leben passiert sei. Aber er wolle sich noch nicht so jung binden, und Freunde sollten sie bleiben, er wolle sie nie missen.
Doch er hatte zu viele Erinnerungen in ihr geweckt, die keinen gegenwärtigen, sondern nur noch einen der Vergangenheit zugehörigen Wert haben durften. Sie wollte Clemens lieber gar nicht mehr sehen. Nur, wie es meist geschieht; der, den sie meiden wollte, war ihr plötzlich ständig über den Weg gelaufen. Und immer wenn sie ihn sah, waren ihre Knie weich geworden und sie hatte sich fort aus dem Ort gewünscht, weit weg.
Sie war nach Berlin getrampt. Besuchte Clemens´ Schwester Konstanze, mit der sie sich seit dem gemeinsamen Urlaub auf Terschelling angefreundet hatte, und die in Berlin Germanistik und Theaterwissenschaften studierte. Konstanze hatte kurzerhand vorgeschlagen zu ihr zu ziehen und ihre Ausbildung in Berlin zu beenden.
„Meinst du das geht?“ hatte Stefanie entgeistert gefragt.
„Alles geht, man muss es nur wirklich wollen!“ hatte Konstanze gewusst.
Stefanie bekam eine Gänsehaut und biss gedankenverloren in den Croissant. Sie empfand das gleiche merkwürdige Gefühl, das sie damals überkommen hatte. Es war, als erwache sie aus einem langen Schlaf. Sie fühlte sich wie übergossen von einem Licht, das durch ein sich plötzlich öffnendes Fenster mitten in sie hinein gefallen war. Ihre Entscheidung hatte sofort fest gestanden.
Der Fahrer, der sie an der Grenze Marienborn mitgenommen hatte, war Vertreter. Nachdem ihre Reisepässe mit den blaugrünen Stempeln versehen worden waren, ging es weiter. Sie brauche keinen Bedenken wegen seines Fahrstils zu haben.
„Meine immer gleiche Fußhaltung auf dem Gaspedal sorgt für exakte 100 km/h. Hier, sieh auf den Tacho“, hatte er sie aufgefordert.
Sie hatte die Anzeige abgelesen und genickt.
„Das hat zwei Vorteile, weißt du?“ erklärte er ihr, „einmal ist es umweltschonend, denn man verbraucht weniger Benzin, und dann bekommt man auf dem Weg durch die DDR keinen Krach mit den Vopos wegen Geschwindigkeitsübertretung.“
Aber die trostlose Landschaft war allzu langsam am Fenster vorbei geschlichen. Lieber wäre sie von einem tollkühnen Porschefahrer mitgenommen worden.
Endstation Heimat
Gesellschaft angenehm
Floskeln im Trampjargon
Netter Typ
Relevant bis Ende der Autobahn
Ausstieg in Kuhfladen
Endstation Heimat
„Ihr zieht nach Berlin um?“ hatte Frau Kamps, die voluminöse Kunstlehrerin der Fachschule für Sozialpädagogik, gefragt.
„Nein, ich will allein hier weg“, war Stefanies Antwort gewesen.
Die Lehrerin hatte ihr in die Augen gesehen und den verhängten Blick auf ihre Weise gedeutet.
„Das ist ungewöhnlich, aber immerhin sind Sie volljährig. Lass mich nur machen, Kindchen“, duzte sie Stefanie zum ersten Mal, „irgendwie kriegen wir das schon hin.“
Und Frau Kamps bekam es hin. Als Stefanie die Genehmigung in der Tasche hatte, stellte sie ihre Eltern vor vollendete Tatsachen. Die Mutter hatte feuchte Augen bekommen, der Vater finanzielle Bedenken, aber Stefanie hatte ihm vorgerechnet, dass sie mit dem Gehalt vom Anerkennungsjahr klarkäme und zu packen begonnen.
So war sie nach Berlin gekommen. Hatte eine auf dem Boden liegende Matratze mit der blonden, blauäugigen Konstanze, die eine tolle Figur hatte und außerdem sehr klug war, geteilt. Die körperliche Nähe und Vertrautheit hatten Stefanie gut getan, besonders, wenn sie nachts nebeneinander lagen, sich gegenseitig Bücher vorlasen und über deren Inhalte philosophierten. An Wochentagen hatten sie sich selten gesehen. Konstanze studierte und Stefanie arbeitete in einer Kindertagesstätte in Wilmersdorf. Um wie vieles eigenständiger und weiter entwickelt die Vorschulkinder in Berlin waren, erstaunte sie immer wieder.
Stefanie strich Butter auf die zweite Hälfte des Croissants und grinste in sich hinein, als sie sich die am Vortag erlebte Szene in Erinnerung rief. Da hatte sie den zur Fettleibigkeit neigenden Bernd (ein Kind, das bereits einen eigenen Schlüssel haben durfte und das hier mitleidsvoll Schlüsselkind genannt wurde, sie hatte ihn Kippen von der Straße auflesend und rauchend gesehen), zusammen mit der kessen Anja in der Puppenecke erwischt. Die Beiden waren als Einzige dem Aufruf in den Garten zu gehen nicht gefolgt. Bernd lag, mit herunter gelassener Hose auf Anja, die ebenfalls den Unterleib entblößt hatte. Stefanie hatte perplex gefragt:
„Was treibt ihr denn da?“
„Wir vögeln“, hatten die Kinder ihr ungeniert erklärt.
„Na toll! Los, Hosen hoch und ab Marsch in den Garten, die Fenster sind offen, sonst kriegt ihr noch´nen kalten Po“, hatte Stefanie geschimpft.
Kaum flitzten die Kleinen, sich im Laufen die Unterhemden in den Hosenbund steckend, an ihr vorbei, hatte sie die Tür zugeworfen und war in schallendes Gelächter ausgebrochen.
Wie viele außergewöhnliche Erlebnisse sie in Berlin schon gehabt hatte! Stefanie erinnerte sich, wie sie einmal Konstanze abholen wollte, die in einem französischen Restaurant im Europacenter arbeitete, um ihr Studium zu finanzieren. Von der Steinbank aus, die rund um eine Mittelsäule angebracht war, konnte Stefanie durch ein Glasfenster beobachten wie Konstanze die Gäste bediente. Ein charmantes Lächeln auf den Lippen, neigte sie grazil den schlanken Körper vor um den jeweiligen Wünschen zu lauschen. Stefanie überlegte, ob Konstanze hinsichtlich der Erwartung auf ein höheres Trinkgeld die Knöpfe der weißen Bluse so weit geöffnet hatte, und grinste.
Vertieft in den Anblick der Freundin, die gerade gekonnt eine Flasche Rotwein und zwei dickbauchige Gläser auf einem Tablett jonglierte, riss ein „Hallo mein Schatz“ hinter ihr, sie plötzlich aus der Betrachtung. Sie hatte sich umgedreht und einen hoch gewachsenen jungen Mann mit dunklem Teint und traurigen Augen gesehen. Er trug Jeans und ein weißes Hemd und die krausen schwarzen Haare glänzten. Mit ebenso schwarzen wie glänzenden Augen hatte er Stefanie angesehen, als kenne er sie lange, und bevor sie ihm noch sagen konnte – hey, du verwechselst mich-, hatte er sich vor sie hingekniet und mit gleichwohl herausforderndem als auch flehendem Blick gefragt:
„Willst du mich heiraten?“ Stefanie erinnerte sich, wie ihr die Kinnlade runter gefallen war.
„ Wie kommst du denn darauf?“ hatte sie irritiert gelacht.
Aber er hatte nicht gelacht, sondern sie ernst angestarrt und ihr mit belegter Stimme in perfektem Deutsch erklärt:
„Wenn du mich nicht heiratest, bringe ich mich um.“
Erst hatte ihr der Antrag geschmeichelt; doch durch die Vorankündigung des Selbstmordes fühlte sie den ungefährlich wirkenden Mann als Bedrohung. Ihr war die Spucke weg geblieben. Aber da hatte er schon weitergeredet.
„Ich stamme aus einem kleinen Dorf in Ostanatolien. Studiere seit zwei Jahren an der TU Maschinenbau und bin fleißiger als jeder andere. In einem Jahr könnte ich fertig sein, und nun kommt das hier!“
Mit zitternden Händen hielt er einen Brief hoch.
„Und was ist das?“ wollte Stefanie wissen.
„Das ist das Ende. Meine Eltern wollen, dass ich sofort zurückkomme und heirate. Sie haben eine Braut für mich ausgesucht, die ich nicht einmal kenne. Mein einziger Ausweg ist, sofort hier zu heiraten. Also, willst du?“ hatte er seinen ungewöhnlichen Antrag wiederholt.
Stefanie hatte die Augen aufgerissen und gedacht, unglaublich, dass es so was noch gibt. Dann hatte sie bedauernd den Kopf geschüttelt und gesagt:
„Nein! Natürlich will ich nicht. Tut mir leid.“
Sie hätte ihn gern umarmt, oder ihm wenigstens die Hand gegeben, um ihm viel Glück zu wünschen, traute sich aber nicht. Er senkte die Augen, faltete den Brief andächtig zusammen und stand auf. Plötzlich kam Leben in ihn. Er winkte ihr lässig zu, zwinkerte mit einem Auge, verzog den Mund zu einem breiten Grinsen und rief ihr beim Fortlaufen zu:
„Dann muss ich mir wohl eine andere Braut suchen!“
Sie hatte ihm mit offenem Mund nachgesehen und als er weg war, mehrmals den Kopf geschüttelt, wie um wach zu werden aus einem absurden Traum.
Aber sie liebte diesen absurden Traum von Großstadt, durch den sie gern allein streifte. Am Liebsten fuhr sie U-Bahn und beobachtete die Menschen. Die sahen gern weg. Generelles Desinteresse füreinander. Manche verschanzten sich hinter Büchern, andere starrten müde aus den Fenstern, ins tiefe Schwarz. Öffneten sich die Türen der Waggons an einer Haltestelle, stürmten die Fahrgäste lemmingartig hinaus, und die Einsteigenden strömten hinein, als gelte es, nicht nur einen Sitzplatz oder das Abteil, sondern die Welt zu erobern. Stefanies Anwesenheit war nicht wichtig, bedeutete niemandem etwas. Kaum jemand schaute ihr offen ins Gesicht, man schien sie ignorieren, sogar aus dem Blickfeld wegradieren zu wollen. Das tat ihr gut.
Sie erinnerte sich an den Ort, aus dem sie kam. Fast jeder kannte jeden, redete über jeden. Das Leben lief in geordneten Bahnen ab, einem ruhigen Muster gemäß. Alles hatte seinen Sinn, musste so sein und nicht anders. Ausweichen ging nicht, abweichen fiel auf und sprach sich schnell herum. Sie hatte immer gehasst, wenn ihr Vater sich über ihren Kleidungsstil lustig machte, oder Kommentare von Freunden zum Besten gab, wie:
„Du Steff, Apotheker Soundso aus dem Tennisklub, du weißt schon, hat mich eben gefragt, ob das wohl meine Tochter war, die er mit bestickter Latzhose, übergroßem Männermantel und Männerhut bekleidet, Pfeife Rauchenderweise im Stadtpark am Ententeich gesehen hat. Ich hab das natürlich abgestritten und gesagt, du würdest es nie wagen, so herumzulaufen!“ Stefanie verdrehte dann die Augen und antwortete spitz:
„Der sollte sich mal lieber selber im Tennisoutfit im Spiegel angucken: Ich sag nur, Schwabbelbauch und wadenlange Tennissocken!“
In Berlin fiel ihr extravaganter Kleidungsstil kaum auf. Hier, wo Hektik und Anonymität regierten, atmete sie nicht nur Auspuffgase, sondern auch grenzenlose Freiheit ein. Niemand schrieb ihr vor, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Sie durfte eigenständig handeln und entscheiden. Nie zuvor hatte sie sich selbst so bewusst wahrgenommen. Ihr war, als sei sie ausgebrochen aus einem Käfig, der ihr bislang nicht nur den ungehinderten Auslauf, sondern auch das Denken verwehrt hatte. Sie ließ sich mitreißen vom brodelnden Strom ameisengleicher Zweibeiner mit fremden Gesichtern, schwamm mal mit, mal gegen die Strömung, mal krabbelte sie Atem schöpfend ans Ufer und betrachtete amüsiert das an ihr vorbei ziehende tosende Treiben.
Konstanze hatte irgendwann gemeint, dass es Zeit für Stefanie sei Männer kennen zu lernen, und sie zu Partys ihrer Kommilitonen mitgenommen. Anfangs hatte sie sich gesträubt, sie war schließlich keine Studentin, aber Konstanze hatte gemeint, sie solle sich nicht so zickig anstellen. Und tatsächlich hatten sie mit ihr dialogisiert wie mit ihresgleichen. Ab und an waren interessante Themen umso abstrakter diskutiert worden, je mehr Joints in die Runde gegangen waren. Auch Stefanie hatte einige Züge genommen. Sie hatte keine Wirkung gespürt, im Gegensatz zu den anderen, die sich immer toller gebärdeten. Sie war sich albern vorgekommen. Aber einmal war sie froh darüber gewesen, ihre Sinne beisammen gehabt zu haben. Es war um Theologie und um die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gäbe, gegangen. Einige glaubten daran und schmückten dieses nächste Leben grölend in psychedelischen Farben aus. Der bärtige Helmut und sein schwuler Freund Hans, der wunderbar steppen konnte, waren anderer Meinung gewesen. Das sei eine grob fahrlässige Vortäuschung verschiedener Religionen, um die Menschen zu Lebzeiten besser ausbeuten zu können und von ihrem armseligen Dasein abzulenken, hatte Helmut gemeint.
„Man will die Schäfchen am Aufwachen, am Denken hindern, und daran, das Hier und Jetzt intensiv zu erleben“, hatte Hans hinzugefügt.
„Genau“, hatte Helmut gegrinst, „lasst uns das Hier und Jetzt genießen“, und, als sei es die natürlichste Sache der Welt, Stefanie vor aller Augen die Hände unter die Bluse geschoben.
Stefanie erinnerte sich, wie sie rot geworden und ihm eine schallende Ohrfeige verpasst hatte. Dann fluchtartig die Wohnung verlassen und noch gehört hatte, wie ihr lautes Gelächter folgte. Der einzige Mann, von dem sie sich gern unter die Bluse hätte fassen lassen, war Jan, aber der war Konstanzes Freund. Jan studierte in München und war nur an den Wochenenden zu Besuch gekommen. Wenn er sich anmeldete, räumte Stefanie das Feld und die Matratze und siedelte in eine nahe gelegene Jugendherberge über.
Sie war heilfroh darüber, dass dieses ewige hin -und her endlich ein Ende hatte, als sie die helle 1-Zimmerwohnung in der Huttenstraße fand. Im Bad stand nur ein Klosett und die Waschgelegenheit reduzierte sich auf ein abgenutztes Emaillebecken in der Küche. Aber sie war glücklich: es war ihr Reich. Sie fühlte sich allem gewachsen; bis auf die Blamage vor ihrem Vater. In diesem Winter 1979 waren bei klirrenden 30 °C unter Null die Wasserrohre im Gebäude geplatzt. Der gekachelte Kamin hatte zwar auf Hochtouren gebullert, aber sie hatte sich wegen Angela nicht lumpen lassen wollen und zusätzlich den elektrischen Heizlüfter laufen gehabt. Außer Fassung über die Höhe der ersten Stromabrechnung, war sie sofort zur Telefonzelle gelaufen und hatte ihren Vater angerufen. Der hatte vor Lachen geprustet und ihren Gedanken für irrig erklärt, im Mietpreis wäre die Stromgebühr enthalten.
Sie zog eine Grimasse und rührte mehr Zucker in ihren Kaffee. Dann spürte sie Dankbarkeit für Frau Kamps aufkommen. Die Kunstlehrerin hatte ihr Berlin erst ermöglicht. Deren Unterricht war für Stefanie gewesen, wie Privatstunden zu erhalten, denn die meisten jungen Frauen konzentrierten sich mehr auf ihre Strickmuster als auf den Stoff, den Frau Kamps ihnen bot. Ab und an machten sie sich zwar Notizen, um die Klassenarbeiten nicht zu verpatzen, aber sie antworteten nur, wenn sie direkt gefragt wurden. Stefanies Tisch hatte stets voller Zettel gelegen: sie zeichnete surrealistische Frauenakte, während die Lehrerin stimmgewaltig dozierte.
Stefanie setzte das Bol an die Lippen und verschluckte sich bei dem Gedanken an eine Situation, bei der sie sich vor dieser Stimme furchtbar erschreckt hatte. Die Lehrerin hatte die Aufgabe gegeben, einen Absatz des Lehrbuchs zu lesen. Stefanie hatte sich die Mühe nicht gemacht. Vertieft in die Zeichnung eines Busens, war die Lehrerin unbemerkt hinter sie getreten. Direkt neben ihrem Ohr hatte sie losgedonnert:
„Das ist ja wohl die Höhe!“
Stefanie war hochgefahren. Der Bleistift HB 2, hinten angeknabbert, war quer durch den Raum geschossen. Fast wäre sie vom Stuhl gefallen. Ihr Herz raste, als Frau Kamps fragte:
„Na, was haben wir denn da? Lassen Sie doch mal sehen“, und die Zeichnungen hervorzog.
Bevor Stefanie nach ihnen greifen konnte, hatte die Lehrerin alle Blätter in der Hand. Betrachtete sie ausgiebig, wog den Kopf hin und her, höhnte manchmal:
„Nein, diese Fantasie!“ und behielt schließlich drei Bögen in der Hand, gab ihr die Restlichen zurück und ging zu ihrem Pult. Stefanie sah ihr mit hochgezogenen Brauen nach.
„Ja“, lachte die Lehrerin, „die hier behalte ich. Falls Sie mal berühmt werden, will ich auch was davon haben.“
Die Eltern wussten, wie viel ihr Malen bedeutete. Hatten sie an jenem Heiligabend unterm Tannenbaum mit einer Feldstaffelei aus poliertem Kirschbaumholz, einem Kasten mit feinsten Ölfarben und zwei Leinwänden überrascht. Auf einer war puzzleartig ein Pferdekopf zu sehen gewesen, auf der anderen, eine Zigeunerin. Malen nach Zahlen. Peinlich, aber immerhin. Das war erst knapp drei Jahre her. Eine Ewigkeit war seitdem vergangen. Stefanie erinnerte sich, vor Freude wie ein Kleinkind geheult zu haben. Erneut beidhändig nach dem Kaffeegefäß greifend, und einen tiefen Schluck nehmend, spürte sie Wärme in sich aufsteigen. Für ihre Geschwister, die sich damals wie eine Traube an sie gedrängt und vor Rührung mitgeweint hatten. Für ihre Eltern, die sich stumm angesehen und lächelnd umarmt hatten.
Der Winter in Berlin war noch nicht vorüber. In den Hinterhöfen lag noch hoher Schnee. Auf Straßen und Bürgersteigen war er wegen des Streusalzes getaut. Sie war mit Angela zu Fuß zum „Schwarzen Café“ gegangen, wo sie nun gemütlich im Warmen hockten. Angela war vor einigen Wochen bei den Eltern ausgezogen, hatte Arbeit in einem Kindergarten in Berlin gefunden und wohnte bei ihr.
Stefanie wartete auf einen geeigneten Augenblick, der Freundin einen Brief von Michael, ihrer platonischen Liebe vorzulesen, dessen poetische Ader sie wundervoll fand. Angelas brünettes Haar ringelte sich in dichten Locken um ihr ovales Gesicht mit den dunklen mandelförmigen Augen. Sie hätte für eine feurige Italienerin durchgehen können, fand Stefanie.
„Wieder keine Wohnung dabei“, stöhnte die Gelockte, die Zeitung zusammenfaltend.
Sie schoben das Frühstücksgeschirr beiseite und spielten Schach: Remis. Angela schien unzufrieden. Sie hatte Stefanie Schach spielen beigebracht, und bislang immer nach einigen Zügen gewonnen.
„Ich war unkonzentriert. Wollen wir noch einmal?“ forderte die Freundin provokativ laut.
Vom Nachbartisch schauten einige junge Männer auf. Stefanie nickte zerknirscht. Es dauerte nicht lange, bis sie einen nicht gedeckten Läufer und ihr Pferd kurz hintereinander verlor und Angela sie bald darauf schachmatt setzte. Gönnerisch klopfte die Gewinnerin ihr, Zigarette im Mundwinkel, auf die Schulter. In ihren Augen glitzerte der Schalk. Das war der richtige Moment! Stefanie zog den zerknitterten Brief aus der Manteltasche und sah sie fragend an. Angela nickte. Sie las, langsam jede Silbe betonend. Schon hüstelte Angela gereizt, Stefanie überhörte es absichtlich.
„Ganz dicht ist der nicht! Und diese spinnerten Assoziationen!“ spöttelte sie endlich lautstark.
Erneut wandten sich einige Köpfe nach ihnen um. Stefanie antwortete nicht. Errötend betrachtete sie ihre wildledernen Stiefelspitzen mit den weißen Rändern vom gesalzenen Schnee und überlegte, ob die Faszination, die dieser Mann auf sie ausübte, sie zur Komplizin seiner fantastisch poetischen Welt machte, die für andere ohne Bedeutung bleiben musste, weil ihnen die Beziehung zur Person fehlte. Eine erdrückende Stille lastete plötzlich zwischen ihnen, zäh, wie der Zigarettenqualm im Raum, dessen Flugbahnen Stefanie sinnierend verfolgte. Es stimmte ja, Michael war schon irgendwie verrückt. Wenn er sie aus Westdeutschland besuchen kam, leistete er sich manchmal unglaubliche Klopse um sie zu erschrecken. So, als er sie nach ihrer Arbeit in der KiTa in Wilmersdorf auf dem Heimweg verfolgte, und sie, die erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn und wieder per Bus Berlin durchqueren musste, irgendwann spürte, dass diese gebückte Gestalt im Lumpenmantel, vermummt mit einem Schal bis über die Ohrenspitzen, das Gesicht versteckt haltend, die Verkehrsmittel mit der gleichen Regelmäßigkeit wechselte, wie sie. Soviel Zufall konnte es kaum geben. Sie hatte den mysteriösen Mann im Auge behalten, konnte im Nachhinein nicht einmal mehr sagen, welche seiner typischen Gebärden ihn verraten hatte, aber jeder Mensch hat wohl seine ureigensten, und nur der, der einen Menschen kennt und dessen Gesten lieb gewonnen hat, kann sie auch wahrnehmen, selbst wenn dieser Mensch sich bucklig stellt, oder in andere Tücher als die gewohnten hüllt. Irgendwann war sie erleichtert grinsend auf seine Rücken zugegangen, hatte: „Schön dich zu sehen, Michael“, gesagt und er war tief enttäuscht über seine schauspielerischen Fähigkeiten gewesen. So weit, so lustig. Aber einmal hatte er dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Mit einem Seidenstrumpf über dem Kopf, wie der Frauenmörder verkleidet, der gerade sein Unwesen in Berlin trieb, hatte er an ihre Tür geklopft. Und sie hatte leichthin geöffnet, ohne durch den Spion zu sehen, wie sie es immer tat. Welcher Unbekannte sollte sich schon in den vierten Stock ohne Fahrstuhl im Hinterhaus verirren? Aber dann hatte dieser Unmensch im dunklen Hausflur dagestanden, nur schwach beleuchtet von dem Licht aus ihrer Wohnung. Wie lange sie hypnotisiert das entstellte Gesicht angestarrt hatte, die Kehle zugeschnürt vor Angst, keiner Bewegung fähig, hätte sie nicht sagen können. Nur eins. Zu lange eigentlich. Er hätte Zeit genug gehabt sich auf sie zu stürzen und sie hätte es nicht verhindern können, denn eine ohnmächtige Schwäche, dergestalt, wie sie in Träumen daherkommt, wenn man vor etwas Angst einflößendem weglaufen, fliehen will, und doch keinen Meter vorankommt, hatte ihr rasendes Herz überschwemmt. Als sie endlich die Tür zuknallen wollte, hatte er einen dieser modernen Boots dazwischen. Sie spürte: Jetzt ist es aus. In sekundenschnelle zog ihr Leben vorbei. Schon hatte sie aufgeben wollen, sich dem Schicksal überlassen. Doch dann, wie in letztem Überlebensdrang, hatte sie sich schwer gegen die Tür gelehnt, nach ihm getreten, die Zunge löste sich, sie hatte zu schreien begonnen. Zwei riesige schwarz behandschuhte Hände waren im Rahmen erschienen. Und in einer von ihnen: eine Visitenkarte. Ein Mörder stellte sich vor? Schockiert hatte sie seine Schrift erkannt. Das Hirn ratterte im Leerlauf. Was sollte das heißen? Freund oder Feind? „Ich bin´s doch, Michael! Lass mich endlich rein!“ schallte es lachend durch das Treppenhaus. Da hatte sie die Tür offen gelassen, war ins Schlafzimmer gerannt und hatte sich laut schluchzend quer über das Bett geworfen. Er hatte lange gebraucht sie zu beruhigen. Es sei doch ein Spaß gewesen, nichts als ein Spaß. Vom Frauenmörder habe er nichts gewusst, ehrlich, sonst hätte er sich nie gewagt.
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