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Es schien ein Samstagabend zu werden, wie viele seit ihrem 16. Lebensjahr. Wie immer hatte sie ein unbestimmtes kribbeliges Hochgefühl im Bauch, und die Hoffnung, dieser Tanzabend würde ein ganz besonderer werden. Die langen Beine steckten in hautengen Jeans. Um den rechten Oberschenkel rankten selbst gestickte blumige Ornamente. Stefanie versuchte, die hohe Gestalt, die gleichgültig aus dem Spiegel zurückstarrte, mit fremden Augen zu betrachten. Wollte Beobachterin einer Person sein, die sie nicht kannte. Urteilte, als sei sie eine Andere. Eine Gegenspielerin womöglich, die besonders hart vorgehen würde, um festzustellen, wo die körperlichen Schwächen der Fremden lagen. Ob es überhaupt etwas an ihrem Äußeren auszusetzen gab? Natürlich nicht, du bist die personifizierte Perfektion! antwortete sie sich ironisch. Perfekt, ja, wenn ich ein Junge wäre! Vielleicht wäre mir noch ein Penis gewachsen, wenn Papa mich weiter Stefan genannt hätte!

Breite Schultern, schmale Hüften, flacher Bauch. Kleiner Busen, der nur zarte Hügel unter dem dunkelblauen Baumwollpullover aufwarf. Das feine Rippenmuster stilisierte ihre Konturen noch deutlicher. Sie schob die Schultern vor und zurück, verrenkte das Becken, um sich aus einem anderen Winkel zu betrachten, lüpfte ihre Brüste mit den Händen, um ihnen mehr Volumen zu geben. Keinen sichtbaren Erfolg erzielend, hob sie mit drohender Gebärde eine Augenbraue, aber der Spiegel ließ sich auf kein Täuschungsmanöver ein. Spieglein, Spieglein an der Wand. Was, wenn er wirklich reden könnte, denken würde, wenn er ein Eigenleben hätte? Was, wenn dieses Objekt aus verschmolzenem Amalgam plötzlich Gestalt annähme, sie mit metallisch silbernem Augen ansähe und zu ihr spräche: Ich bin das Licht und die Wahrheit. In mir wirst du nie das sehen, was du dir wünscht, sondern nur dass, was ist. Wach endlich auf oder träum weiter!

Stefanie erschauerte bei diesem Gedanken. Lachte dann sich und den Spiegel aus, streckte ihm und sich die Zunge heraus und machte laut „bääh“ in das dick bebrillte Teenagergesicht vor sich. Dabei rollte sie mit den Augen und schüttelte wild den Kopf. Das schulterlange aschfarbene, vom Bürsten elektrisiert aufsteigende Haar, klebte sich glatt und strähnig an die fette Weichheit der Wangen. Graue Maus. Aber schminken kam nicht in Frage. In dem einen Punkt war sie sich mit ihren Eltern einig. Obschon, ein wenig Wimperntusche würde die Augen sicher ausdrucksvoller machen, überlegte sie. Ihre Freundin hatte viele Schminkutensilien. Sie entschloss, es auszuprobieren.

Schön empfand sie nichts an sich. Aber die trotzig selbstsichere Haltung, die sie generell an den Tag legte, ließ zu, dass sie sich begehrenswert fühlte. Das Spiegelbild bekam einen spontanen Kuss zugeworfen, den die jüngere Schwester, die ihr plötzlich über die Schulter hinweg hämisch zugrinste, aufschnappte. Wie erwartet, kam ein dummer Kommentar:

„Na, für wen versuchst du dich aufzumöbeln? Ich geb dir noch fünf Minuten Galgenfrist, dann gibst du es besser auf und machst das Bad frei, ich will duschen!“ hieβ es.

„Ha, ha, ha, nur kein Neid, “ antwortete Stefanie spitz.

Dass Dagmar ein Pferdegebiss hatte und selbst die verunzierende Zahnspange das nicht korrigieren würde, stand fest. Ansonsten fand sie die zart gebaute und stets blasse Schwester hübsch, und sie verstand sich gut mit ihr, besser, als mit den anderen beiden Geschwistern, deren Interessen sie nicht teilte. Stundenlang konnte sie über Bücher, Kunst und Musik mit ihr reden.

Als sie jünger waren, hatte sich die dürre Dagmar oft zu Stefanie unter eine Bettdecke gekuschelt und Stefanie hatte aus Else Ury´s Nesthäkchen vorgelesen, weil sie die Deutsche Schrift lesen konnte und die Schwester nicht. Sich diese Bücher gemeinsam anzusehen, verdoppelte den Genuss an ihnen, fanden Beide. Man verweilte öfter, lachte zusammen über komische Textstellen und bewunderte die Illustrationen. Irgendwann wurde Stefanie jedoch ungeduldig, weil sie die Bücher alle schon selber gelesen und die ständigen Unterbrechungen und Fragen ihrer Schwester, wie:

„An welcher Stelle liest du gerade? Wie heißt dieser Buchstabe?“ zu sehr vom Ziel abhielten, endlich den hinteren Buchdeckel zuklappen zu können.

Sie drohte Dagmar an, nicht weiter zu lesen, wenn sie noch ein einziges Mal unterbräche.

„Na und?“ hatte die Kleine schnippisch geantwortet und ihr das Buch aus der Hand gerissen, „dann lese ich eben allein weiter!“

Stefanie hatte ihren Ohren nicht getraut, als Dagmar zwar langsam, aber korrekt, die Buchstaben entzifferte. Überschwänglich hatte sie die Heimlichtuerin in die Arme genommen und gelobt:

„Toll, wie du das kannst! Aber ab jetzt liest du allein!“

Dagmar hatte das Gesicht verzogen.

„Nun schickst du mich in mein Bett, wie?“ fragte sie jämmerlich.

Stefanie hatte tröstend verneint und mehrere Jahre lang hatten sie weiterhin zusammen in einem Bett gelegen, jede ihr eigenes Buch lesend.

Stefanie war zum Aufbruch bereit, verabschiedete sich pflichtgemäß. Der Vater fragte hinter ihr her, ob sie es tatsächlich wagen wolle in einem solchen Outfit auf Männerfang zu gehen, und machte sie zum x- ten Mal auf die absolute Heimkehrstunde aufmerksam:

„Keine Minute später als 22:00 Uhr, hörst du?“

Sie hörte, natürlich hörte sie, war doch nicht taub, oder? Das sagte sie dann lieber nicht. Konnte sich eine Erwiderung aber nicht verkneifen.

„Männer können mir gestohlen bleiben und ich gehe in die Disco um zu tanzen und mich mit Freundinnen zu amüsieren.“

Reine Erfindung ihrer spontanen Hirn – und Stimmbändersynchronie; sie sagte öfter Dinge, die sie im Innersten nicht vertrat.

Stefanie holte Angela ab, die auch bis 22 Uhr bleiben durfte. Zügig machten sie sich auf in die Diskothek; die lag neben der Kirche und wurde vom Dorfpfarrer angeregt. Sie bildete den Treffpunkt der Jugend vieler Nachbargemeinden, die jeden Samstagabend den kleinen rauchgeschwängerten Tanzsaal überflutete. Die Musik gefiel ihnen, sie mochten amerikanischen Pop und Rock. Die Eltern waren beruhigt, weil Alkoholausschank verboten war. Das pflegte der betagte Pfarrer bei unangekündigten Besuchen zu prüfen. Dabei musste er meist die Gelegenheit wahrnehmen, einige ganz Schlaue, die mitgebrachte Flaschen konsumierten, höflichst, aber bestimmt, hinaus zu komplimentieren. Denen erteilte er Lokalverbot. Nach einigen Wochen kamen sie jedoch wieder. Das schlechte Gedächtnis des Pfarrers hatte sich herumgesprochen.

Stefanie tanzte wie immer Platz fordernd, Energie geladen und mit geschlossenen Augen. Wenn die Tanzfläche voll war, kam es schon mal vor, dass sie mit jemandem zusammen stieß. Gerade hatte sie wieder jemanden angerempelt. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Aus der Trance der Bewegung also, im Wendemoment begriffen, die lächelnde Entschuldigung auf den Lippen, Augen öffnend in die strahlende Offenheit seines Gesichts zu sehen, traf sie so irritierend, wie der Schreck eines rein zufällig geworfenen Blickes in einen unerwartet aufgetauchten Spiegel, der den Körper mit einem Adrenalinstoß durchfährt und sekundenlang den Atem raubt. Der Mechanismus, der nun seinen Gang nahm, und dessen Auslöser ein einziger Blick war, ist bekannt. Ihr geschah das zum ersten Mal. Sie lieferte sich ihm mit einem Genuss aus, dem sie weder widerstehen konnte, noch wollte. Blickkontakte kreuzten sich absichtlich, latenter wurde die Suche nach körperlicher Nähe, lachend dahin geworfene und im Bassgedröhn der Musik halb untergehende Wortfetzen vibrierten mit dem Zwerchfell um die Wette. Jetzt kam er, sich rhythmisch wiegend, nahe an sie heran. Schrie: „Wie heiβt du?“ in ihr vom Lichterhagel der Prismakugel blau zuckendes Ohr.

„Stefanie“, brüllte sie in sein Grünes zurück und tanzte weiter.

Wieder kam er näher, legte jetzt sogar eine Hand auf ihre Schulter.

„Willst du meinen nicht wissen?“ fragte er lautstark.

Sie nickte und erfuhr erst, dass er Clemens hieß, und dann, dass er im gleichen Ort wohnte. Wie hübsch er ist, dachte sie, und: Er lacht mich an! Sie wünschte sich, die Zeit möge sofort und für immer stehen bleiben, um diese aufknospenden Gefühle ein ganzes Leben lang gefangen halten zu können. Aber die Zeit verging doch. Es wurde spät. Sie verließen den Tanzsaal. Auf unverbindlichen Abschied vorbereitet, kam sein Angebot überraschend. Selbst Laufenderweise wären sie der nächsten Ausgangssperre wegen Verspätung nicht mehr entronnen. So nahmen sie hellauf begeistert an, sich auf seinem orangefarbenen, selbst konstruierten Fahrradprototyp, nach Hause bringen zu lassen. Die kleinere Angela saß vor ihm, Stefanie auf dem Gepäckträger und erhielt Instruktionen, ihre Arme um seine Taille zu schlingen. Bei jedem Tritt in die Pedale spürte sie das Spiel seiner festen Bauchmuskulatur unter dem orangefarbenen Shirt. Orange schien seine Lieblingsfarbe zu sein.

Sie starrte auf seinen breiten Rücken und fand es merkwürdig, dass sie dem lang und blond gelockten Clemens, der einen Kopf höher war als sie, noch nie in der reduzierten Jugendszene der knapp 9000-Seelen Gemeinde begegnet war. Er schlug den Weg in die Fasanenstraße ein, würde also erst Angela nach Hause bringen, stellte sie angenehm berührt fest. So würde sie länger in seiner Nähe sein können. Er zog keuchend die Bremsen, als sie vor Stefanies Haus anlangten. Das letzte Stück der Strecke war anstrengende Hanglage, sie kannte den Weg mit dem Rad und seine tückische lange Steigung und freute sich darüber, dass er es sich nicht anmerken lassen wollte. Sie stieg ab, bedankte und verabschiedete sich, drehte sich um und wollte ins Haus laufen, aber er hatte schon nach ihrem Arm gegriffen. Flucht verhindert. Mit faszinierender Kompliziertheit schüchtern gewählter Worte verabredeten sie sich für den kommenden Nachmittag in der Badeanstalt. Stefanie drückte zwei Mal neben den Knopf bis es klingelte, so zitterte ihre Hand. Wenn sie einen eigenen Schlüssel gehabt hätte, wäre sie unbemerkt in ihr Zimmer geschlüpft. Aber auf ihre Frage hatte der Vater geantwortet, den gäbe es erst, wenn sie 18 sei. Der automatische Türöffner sirrte. Zwei Stufen auf einmal nehmend, erklomm sie die Treppe. Öffnete die Glastür zum Flur. Aus dem Wohnzimmer schimmerte bläuliches Licht. Die Eltern sahen fern. Es gab kein Entkommen. Anmelden war Pflicht. Sie steckte nur den Kopf zur Tür hinein, rief: „Ich bin wieder da!“ schloss die Tür schnell und wollte ins Schlafzimmer eilen. Wie erwartet, dröhnte Vaters Stimme hinter ihr her:

„Stefanie?“

Kein gutes Zeichen. Nur bei schlechter Laune nannte er sie so, bei guter, Steff.

„Ja?“

„Komm mal bitte rein.“

Sie kehrte um, zog vor der Tür eine Grimasse, verdrehte die Augen und trat ein.

„Was ist denn?“ fragte sie in absichtlich gelangweiltem Ton.

„Weiβt du wie spät es ist?“ fragte Enno, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen. Auch ihre Mutter sah unverwandt auf den Bildschirm, sagte, außer dem Gruß, jedoch nichts.

„Bin ich etwa zu spät?“ antwortete sie.

„Es ist 20 nach zehn. Das ist das letzte Mal, sonst wird der Ausgang gestrichen, klar?“ brummte er.

Sie drehte sich wortlos um und ging hinaus.

„Ob du das verstanden hast will ich wissen!“ rief er gereizt hinter ihr her.

„Jahaa“, dehnte Stefanie vom Flur aus die Antwort.

Sie reagierte einsilbig auf interessierte Fragen ihrer bereits im Bett liegenden Schwestern, mit denen sie das Zimmer teilte. Beantwortete schelmische Seitenblicke mit kuhäugigem Lächeln und gab damit bekannt, dass etwas ganz Besonderes geschehen war. Verhedderte sich ungeschickt im Nachthemd, wie in ihren Gedanken, als sie sich fragte, ob alles Einbildung war und ein Missverständnis. Ob sie Clemens, der diese seltsamen Empfindungen in ihr ausgelöst hatte, richtig interpretiert hatte und er ebenso empfand wie sie. Die Welt drehte sich in wirbelnder Geschwindigkeit, die sie schwindelig machte, atemlos und schwach.

Der nächste Tag bot Gelegenheit, mit möglichst unauffälligen Blicken ihre Körper in Badekleidung zu taxieren. Stefanie war über den gepflegten Rasen auf die Gruppe von Mädchen zugesteuert. Einige Meter entfernt von ihnen, tummelte sich ein Pulk von Jungen, unter denen sich auch Clemens befand. Schon von weitem hatte sie seine auffällige Gestalt entdeckt und fragte sich, warum sie ihn auch hier nie zuvor gesehen, oder wenigstens nicht bewusst wahrgenommen hatte. Nun spürte sie seine Nähe fast dramatisch. Sie sahen sich grußlos an, aber sie meinte, einen warmen Blick in seinen Augen wahrgenommen zu haben. Plötzlich genierte sie sich davor, so natürlich wie sonst, stehend, das leichte Kleid über den Kopf zu ziehen, unter dem sie den Badeanzug trug. Die Freundinnen konnten nicht fassen, dass Sie keine Bikinis mochte und belächelten sie: Bei der Figur. Die sind unpraktisch beim Kopfsprung, sitzen nie richtig und ewig muss man die kleinen Stofffetzen über den Brüsten und am Po zurechtrücken, um sich nicht zu blamieren, hatte sie erklärt. Sie trug beim Schwimmen ja keine Brille und konnte dadurch schlechter kontrollieren, wie sie aussah. Sie saß auf dem Handtuch, schwatzte mit den Mädchen und behielt Clemens im Auge. Er lag bäuchlings auf dem Handtuch. Schmale hoch aufgeschossene Gestalt, schulterlanges blond gelocktes Haar, flacher Po und lange Beine mit stark ausgebildeten Waden. In einem sich unbeobachtet wähnenden Moment zog sie schnell das Kleid über den Kopf, legte die Brille in die Tasche, lief unter die Dusche und sprang mit einem riesigen Hechter ins Becken.

Clemens war ihr jedoch mit dem Blick gefolgt, sah, wie sie sich am Beckenrand hochstemmte, erst ein Knie, dann das andere aufstellte, noch in der Hocke den Sitz des Badeanzugoberteils prüfte, um dann zum Sprungbrett zu eilen. Ihre Silhouette zeichnete sich dunkel gegen das Sonnenlicht ab. Er legte eine Hand schützend über die Augen, um den geplanten Rückwärtskopfsprung besser beobachten zu können, was er an ihrer Haltung erkannte; daran, wie sie wippte, mit den Zehenspitzen am äußersten Rand des Brettes stehend, dem Wasser den Rücken zugewandt. Bemerkte das Muskelspiel ihrer Oberschenkel, sah, wie sie die Arme, nach hinten schwingend, Anlauf nahm, dabei leicht in die Knie ging und sich rücklings in die Fluten stürzte. Da rannte er los, überging das obligate Duschzeremoniell, sprang am Beckenrand ab, streckte sich lang in horizontaler Luftlage und schlug einen spritzenden Krater in die Wasseroberfläche. Kam dort hoch, wo er sie auftauchen erwartete. Nach Luft jappend, reckte sie genau vor ihm den Kopf aus dem Wasser, strich beidhändig das nasse Haar nach hinten, rieb sich die Augen, denen sie nicht traute, als sie ihn so nah sah. Breit grinsend über ihre überraschte Miene flötete er:

„Das konnten wir schon mal besser. Die Haltung war nicht ganz astrein. Hopp hopp, nochmal das Ganze, sonst döppe ich dich!“

Perplex lachend, gerieten ihre rhythmisch rudernden Armbewegungen aus dem Takt und sie drohte zu versinken.

„Das gilt nicht, wag es nicht!“ kreischte sie Atem ringend.

„Aber natürlich wage ich mich, ich bin doch ein Mann und darum stark und mutig“, lachte er herausfordernd, machte immer gröβere Augen, kam näher dabei, die Finger zu Krebsscheren formend, die er auf und zu klappte.

Prustend und ungeschickt paddelnd, versuchte sie zu entkommen, aber er war schneller, erhaschte unter Wasser ihre Fessel und zog sie wieder zu sich heran. Zappelnd ging sie unter. Eine Freundin eilte zu Hilfe. Weitere Mädchen kamen hinzu. Während Stefanie tauchend das Weite suchte und fand, zerrten die anderen an Clemens. Wollten auch necken und geneckt werden. Lechzten nach Aufmerksamkeit. Der, die Stefanie gerade ahnte erregt zu haben. Jetzt sprangen auch die anderen Jungen ins Becken, was die Herzen der Mädchen und die Wellen höher und höher schlagen ließ. Als ein Wasserball ins Spiel kam, verdichtete sich die Balzstimmung, Körper prallten im Kampf um das luftige Rund begründet aufeinander, gierige Hände durften schlanke Taillen gerechtfertigt umfassen. Spiel ist Spiel.

Stefanie sprang lieber vom Sprungbrett. Immer und immer wieder: Sprung, eintauchen, auftauchen, Haare und Wasser aus dem Gesicht streichen, Beckenrand, aufstemmen, Sitz des Badeanzugs prüfen, zum Sprungbrett laufen, kurze Konzentration und nächster Sprung. Clemens sah es und verlor die Lust am Ball und anderen Verlockungen. Er gesellte sich zu ihr. Bald versuchte der eine nachzumachen, was der andere vormachte. Beide waren mutig und wurden mutiger und übermütiger, bis eine Lautsprecherdurchsage das Ende der Badezeit ankündigte. Die ignorierten sie vorerst, bis die zweite, diesmal mahnender klingende Ansage kam, duschten sich dann, liefen zu den Handtüchern. Er war schneller dort, nahm ihres vom Rasen auf und hielt es hoch über den Kopf, wo sie nicht dran kam und forderte sie neckisch auf:

„Na komm schon Kleine, hol es dir doch, wenn du kannst.“

„Ich werd´s dir zeigen,“ rief sie, sprang, Anlauf nehmend an ihm hoch und erkannte im sekundenschnellen Blickkontakt ein herrliches Entzücken in seinen Augen blitzen und eine wie tierische Begierde, die ihr den Atem verschlug.

Elektrisiert und wie gelähmt, blieb sie überrascht stehen. Hängte sich dann lachend an einen seiner Arme. Er war stärker. Sie gab auf, mimte Verärgerung. Da warf er ihr triumphierenden Blickes das Badetuch über den Kopf. Sie riss es herunter und schlug ihm damit gegen die Beine. Er lief laut lachend davon. Sie packte zusammen, überquerte, die Tasche über dem Arm, den Rasen und ging raschen Schrittes auf den Ausgang zu, als der Bademeister sie abfing. Sogleich meldete sich ihr schlechtes Gewissen, sie dachte, er wolle sie für ihr Bummeln rügen, aber er sagte freundlich:

„Stefanie, du bist sportlich. Ich habe dich gestern den Gruftweg mit dem Fahrrad erklimmen sehen. Das war im dritten Gang, nicht wahr?“

„Ja“, grinste sie ihn an, „ich quäle mich ganz gern.“

„Du, ich gebe das Radrennen jetzt auf und es täte mir leid, wenn mein teures Rad dann in der Ecke stünde. Wenn du Lust hast, kannst du es haben. Ich würde dich trainieren und so richtig fit machen.“

Den letzten Satz hatte Clemens gehört, der plötzlich hinter ihr stand. Er schob Stefanie vor sich her und antwortete im Gehen statt ihrer:

„Stefanie wird ab sofort nur noch von mir trainiert, tut mir leid für Sie!“

Der Bademeister sah verdutzt hinter ihnen her. Schamröte hatte ihr Gesicht überzogen und sie senkte den Kopf, um es zu verbergen. Clemens legte den Arm um ihre Schulter, kam nahe an sie heran und flüsterte ihr ins Ohr:

„Stimmt´s, oder hab ich Recht?“ Sie maßregelte ihn:

„Er hat es nur gut gemeint. Ich habe mich über sein Angebot sehr gefreut. Warum hast du ihn so behandelt?“

„Stefanie, der Alte steht auf junge knackige Mädchen, ich weiß das aus sicherer Tinte. Aber wenn du das magst, geh hin und nimm an!“

Sie schüttelte schnell den Kopf, dass die nassen Haare flogen. Im gegenüber liegenden Wäldchen standen ihre Fahrräder. Sie stellte die Tasche auf dem Sattel ab und kramte in ihr herum. Steckte sich die gefundene Spange zwischen die Lippen und bürstete sich die Haare. Tauschte dann die Spange gegen den Bürstenstil aus, den sie, wie ein Pirat sein Messer, quer zwischen die Zähne nahm, und befestigte die Spange mit beiden Händen hinter ihrem Kopf. Er hatte ihr fasziniert dabei zugesehen, als ob diese Handlung ein besonderes Kunststück sei. Die Hände noch im Nacken, griff er nach der Bürste in ihrem Mund. Sie lockerte den Biss der Zähne, die behilfliche Geste akzeptierend, und machte sich daran, die Tasche auf dem Gepäckträger zu befestigen. Als sie fertig war, hielt sie ihm seitlich ausgestreckt die Hand hin, die Bürste erwartend. Aber er reichte sie nicht an. Fragend drehte sie sich um und sah eben noch, wie er sich das Utensil in den Hosenbund steckte.

„Hey, ich brauche die Bürste!“ rief sie entrüstet.

„Na, wenn das so ist, dann bringe ich sie dir noch heute Abend um 20 Uhr vorbei“, versprach er, sah sie schelmisch an und trat flugs in die Pedale.

Sie blickte ihm mit klopfendem Herzen nach.

Wie hatte sie diesem Moment, die kreischenden Pneus seines Rades auf dem Schotter bremsen zu hören, eine Ewigkeit schien ihr vergangen zu sein, entgegen gefiebert. Er kam, wie versprochen. Sie gingen spazieren. Am Waldrand angelangt, setzten sie sich auf eine Bank und unterhielten und neckten sich. Am nächsten Tag, Angela und sie lagen auf ihren Handtüchern auf dem gepflegten Rasen des Freibades, sah sie Clemens schon von weitem auf sie zugeschlendert kommen. Ihr Herz pochte bis zum Hals. Er setzte sich zu ihnen. Als ein Mitschüler ihrer älteren Schwester vorbei ging und mit verschwörerischem Augenzwinkern einen Handkuss in ihre Richtung warf, meinte Clemens amüsiert:

„Na, für mich war der sicher nicht.“

Angela ignorierte Stefanies warnenden Blick und plauderte lachend aus, wie dieser Junge Stefanie einen Kuss gegeben hatte. Das war erst kürzlich beim Schützenfest im Nachbarort in der Raupe passiert, als er sich unaufgefordert im letzten Moment zu ihr in den Wagen gesetzt und der Baldachin sie gerade in Dunkelheit hüllte. Angela hatte alles beobachtet, den Kuss und auch Stefanies Überraschung und ablehnende Haltung, aber sie erwähnte Clemens gegenüber natürlich nur den Kuss. Clemens schmunzelte mit niedergeschlagenen Augen und verabschiedete sich schnell. Stefanie hätte im Erdboden versinken mögen. Sie packte ihre Sachen, fuhr nach Hause, schmiss wütend ihr Rad an die Wand, warf nachlässig den nassen Badeanzug und das Handtuch über die Wäscheleine und rannte in den Wald. In Rekordzeit erklomm sie die Krone ihres Lieblingsbaumes, eine steinalte Eiche. In Schwindel erregender Höhe sitzend, weinte sie leise vor sich hin. Mit aufgedunsenen Lidern und verschwommenem Blick sog sie die leuchtenden Gelbtöne eines blühenden Rapsfeldes in sich auf, das durch im leichten Wind flirrende Blätter schimmerte. Nie danach gefragt, wie er es geschafft hatte, sie im Wald gerade auf „ihrem“ Baum aufzutreiben, stand er plötzlich da, rief fragend zu ihr hoch, ob sie Lust hätte mit ihm zum Schützenfest zu gehen. Ihr überstürzter Abstieg hätte beinahe mit einem jähen Fall geendet.

Stefanies Vater wollte ihr den Ausgang erst verbieten, aber ihn amüsierte ihre innig vorgeführte Bitte und er erinnerte sich daran, wo er Maria kennen gelernt hatte. Clemens musternd und mahnend, er solle gut auf sie aufpassen, stimmte er schließlich zu. Hand in Hand, zwischen Bierbude und Autoskootern, küssten sich Stefanie und Clemens zum ersten Mal. Ihre Lippen vibrierten leicht unter der köstlichen Berührung. Dann schob er seine Zunge durch ihre Lippen zu den geschlossen gehaltenen Zähnen, die sich unter dem fordernden Druck langsam öffneten und den Kuss zu erwidern begannen, während Explosionen von Feuerwerken ihre Körper durchfuhren.

 

 

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