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Wie alles begann

Anna hielt ihm den Kopf, während er seinen Mageninhalt infolge übermäßigen Bierkonsums in eine Regentonne entleerte. Noch während sie sich fragte warum sie es tat, wankte er schon auf eine Steinmauer zu und ließ sich stöhnend auf ihr nieder. Sie stolperte hinterher, weil er ihre Hand fest hielt, blieb unschlüssig vor ihm stehen, stellte dann vorsichtig einen Fuß auf die Mauer, und durchstöberte die Dunkelheit ihrer Handtasche mit der freien Hand. Nach vorn gebeugt, die Ellbogen auf seine Knie gestützt, kauerte er da. Jäh ließ er ihre Hand los, so dass sie hüpfend das Gleichgewicht mit dem Fuß, der auf dem Boden stand, ausbalancieren musste. Eben erst hatte sie erneut festen Halt gefunden, da umschlang er umso heftiger ihre Fessel und begann zu schluchzen. Steif stand sie da, das gesuchte Taschentuch in der Hand, den Blick auf einen Mörtelfleck an die Wand des Hauses vor sich geheftet. Sein Griff tat weh, sein Weinen war ihr peinlich und sie musste um vier Uhr aufstehen, weil die Kühe vor Arbeitsbeginn auf die Weide gehörten. Sie zögerte. Wusste nicht, was sie tun sollte. Vertiefte sich mehr und mehr in den Fleck, erkannte immer deutlicher die bizarren Umrisse des künstlichen Gesteins, den ein Verputzer achtlos dahin gekleckert hatte. Den gewichtslosen Blick darauf geheftet, verharrte es sich leichter in der statuenhaften Pose.

Ihr Herz pochte. In langen Zügen sog sie die laue Abendluft ein. Langsam wich ihre Verwirrung. Mit einem Mal empfand sie als wohltuend, dass der Schönling aus dem Nachbarort Salzkotten just an ihrer Seite heulte. Bei ihr, mit der er noch nie vorher ein Wort gewechselt hatte. Dass war die Sensation! Sie wollte sich jedes Detail des Ereignisses genau einprägen und es den Freundinnen in schillernden Farben ausschmücken. Denn die umschwirrten den blonden Athleten gern auf dem Sportplatz, wo sie sich samstags morgens trafen, wenn er das Fußballtor stürmte und die Mädchen Volleyball spielten. Anna hatte sich immer abseits gehalten. Aber sie erfuhr: er hieß Enno, liebte Fußball und Leichtathletik scheinbar mehr als irgendein Mädchen, und kam aus gutem Hause. Dass sein Vater ein eher gefürchteter Lehrer war, wusste sie auch.

Und jetzt war sie es, die neben Enno stand. Noch vor wenigen Minuten war er von seiner Mannschaft an einem Bierstand umjubelt worden. Grölend hatten sie ihn wegen drei geschossener Tore hochleben lassen, und ihm ein Bier nach dem anderen spendiert. Das war Anna und ihren Freundinnen, die nicht unweit der Gruppe entfernt standen, nicht entgangen. Anna wäre gern noch geblieben, denn die Jungen hatten sie gerade mit aufmunternden Handbewegungen eingeladen an ihren Stand zu kommen, aber Mutter erwartete sie bei Einbruch der Dunkelheit zurück, und weil es schon viel später geworden war, hatte sie sich schnell verabschiedet.

Genau hinter der Losbude war dann dieser Schatten über sie hergefallen. Sie hatte sich mächtig erschreckt, aber es war nur Enno, der ihr direkt in die Arme gestolpert war. Er wäre sicherlich gestürzt, wenn sie ihn nicht gehalten hätte. Und dann hatte er nach ihrer Hand gegriffen und sie einfach nicht mehr losgelassen. Auch an der Regentonne nicht. Und ehe sie sich versah, hatte sie ihm den Kopf gehalten.

Immer noch hielt er ihre Fessel eng umschlungen. Hörte aber endlich auf zu weinen, atmete schwer, hob langsam den Kopf, und flüsterte:

„Entschuldige. Es war der Alkohol, den bin ich nicht gewohnt.“

Der Mörtelklecks verschwamm vor ihren Augen. Wortlos streckte sie Enno das Taschentuch hin. Sah ihn nicht an. Nun erst löste er seine Finger von ihrem Bein. Es begann zu kribbeln als hätte sie in einen Ameisenhaufen getreten. Er nahm das Tuch, es roch nach 4711 und erinnerte ihn an die seiner Mutter, schnäuzte sich ausgiebig und steckte es gedankenverloren in die Hosentasche. Sie besaß nur dieses eine Spitzentaschentuch. Es war ihr Sonntagstuch. Ihr anderes Tuch hatte Veilchen darauf, aber keine Spitze und sie benutzte es für alltags. Anna überlegte, warum er es eingesteckt hatte und ob er es ihr wohl gewaschen zurückgeben wollte. Sicher war, wenn sie es nicht wiederbekäme, würde Mutter ihr den Verlust vorwerfen. Sie war drauf und dran ihn darauf anzusprechen, als er sagte:

„Du hast Fesseln wie ein Rennpferd. Wie heißt du?“ Sie blickte ihn von oben herab an, nahm den Fuß von der Mauer, warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf.

„Sehr sportliche Frage! Anna heiße ich“, antwortete sie trocken, wie ein bröseliger Keks, sagte noch: „ich muss jetzt gehen!“ drehte sich um und lief davon. Doch bereits beim zweiten Schritt knickte ihr Fuß um, sie strauchelte; sah den Boden auf sich zu kommen. Aber der erwartete Aufprall blieb aus. Stattdessen schlang sich Ennos Arm um ihre Taille. Sie rang nach Atem.

„Wohin so eilig, Anna?“ neckte er, die Lippen an ihrem Ohr. „Ich heiße übrigens Enno.“ Leicht wie eine Schaufensterpuppe richtete er sie auf und streckte ihr erwartungsvoll die Hand entgegen, die sie nicht ergriff. Wütend sah sie ihn an. Wie er hieß wusste sie längst. Ihr Knöchel schmerzte.

„Mein Bein war eingeschlafen, weil du es so gequetscht hast. Darum bin ich umgeknickt! Der Fuß tut weh!“ fauchte sie ihn an.

„Nur weil du weglaufen wolltest wie ein ungestümes Wildpferd! Aber lass mal sehen.“

Er kniete sich vor sie, hob ihren Fuß auf seinen Oberschenkel, der in einem ausgetretenen dunkelblauen Wildlederpumps mit flachem Absatz steckte, und untersuchte ihn eingehend und umständlich. Sie versuchte mehrmals ihn seinen Händen zu entziehen, aber er hielt fest.

„Hm, mit dem Knöchel solltest du nicht mehr laufen, er schwillt schon an. Sag mir wo du wohnst, ich bringe dich nach Hause“, klang seine Stimme besorgt. Und als sie „Nein!“ sagte, und, „ich gehe allein“, nahm er sie einfach auf den Arm.

„Du kannst doch selber kaum stehen!“ protestierte sie zappelnd.

„Ich bin wieder topfit, wetten? Außerdem hast du was gut bei mir und ich würde mich wirklich wohler fühlen, wenn ich dich nach Hause bringen darf“, meinte er. Sein Atem roch nach Erbrochenem. Sie stimmte schließlich zu, verlangte aber, nur gestützt und nicht getragen zu werden.

Humpelnd, anfangs wortkarg, später immer angeregter schwatzend, zogen sie durch die von einem orangen Vollmond beleuchteten Gassen des nächtlichen Ortes. Es dauerte lange, bis sie ankamen und sie kamen an, ohne es zu wollen, und sie fragte:

„Warum hast du geweint?“ Er senkte den Blick auf seine neuen Adidas Turnschuhe, federte elastisch auf den Zehenspitzen, sah ihr dann in die Augen und fragte: „Darf ich dir das morgen erzählen, Anna? Wenn du magst, hole ich dich um sieben Uhr hier ab.“ Während er redete, strich er ihr eine brünette Haarlocke aus der Stirn. Sie holte einen geschmiedeten Schlüssel aus ihrer Handtasche und antwortete rasch: „Gut, aber nicht hier. Besser treffen wir uns im Park hinter der Kirche dort drüben.“ Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie in die Richtung. Enno wollte noch nach dem Grund fragen, als sie schon fortlief, kaum hinkend, auf das zweiflügelige grüne Tor des Bauernhauses zu, dessen eine Seite sie aufschloss und geräuschvoll hinter sich zuwarf. Im Innern war es kühl.

Anna blieb einen Augenblick an die Tür gelehnt stehen, spürte, wie ihre Wangen glühten und ihr Herz wild schlug. Bückte sich geistesabwesend, um den schneeweißen Spitz „Fiffi“ zu streicheln, der ihre Hand leckte. Sie beschloss, ihren Freundinnen vom Ausgang dieses Abends vorläufig nichts zu berichten und suchte rasch nach einer passenden Ausrede für die Unpünktlichkeit. Zu spät. Schon kam ihr die Mutter mit lauten Worten aus der Küche entgegen. Statt einer Antwort zeigte Anna auf ihren Knöchel. Die Mutter zog sie in den Schein der schwachen Küchenfunzel, entdeckte ihr überhitztes Gesicht und empörte sich: „Du riechst ja nach Bier!“

„Ich habe eine Cola getrunken, bin aber mit einem Betrunkenen zusammengestoßen, der fast auf mich erbrochen hat“, verteidigte sich die Tochter, und ließ sich auf einen abgenutzten Holzstuhl mit gehäkeltem Sitzkissen fallen. „Wer´s glaubt wird selig“, murmelte kopfschüttelnd die Mutter, während sie sich abwandte und in die Vorratskammer zum Kräuterschrank hinkte.

Hinkte, weil Gicht ihre Beine zu einem Säbel gekrümmt hatte. Kaum eine Klage, aber man sah ihr die Schmerzen an. Anna kam sich schäbig vor. Kräuterduft strömte in die Küche, als Mutter die Schranktür mit einem Schlüssel öffnete, den sie ständig an einem Bund unter der Schürze trug. Sie hatten die Angewohnheit Kräuter zu sammeln aus dem Krieg beibehalten. Damals musste jeder Haushalt bestimmte Mengen an getrockneten Heilkräutern in der Schule abgeben. Für Eigenbedarf war kaum etwas übrig geblieben. Anna hörte, wie die Mutter, den Kopf im Schrank, murmelte:

„Gut, dass wir jetzt alles im Haus haben.“

Sie kehrte zurück, legte Kompressen, Schere, ein morsches Betttuch und eine Flasche mit scharlachrotem Inhalt auf den Tisch. Johanniskrautöl. Zu Johanni hatte Anna die gelben Blüten dafür am Waldrand gesammelt; die frischen Blüten in Weckgläser gefüllt, mit Sonnenblumenöl aufgegossen, mit sauberem Leinentuch abgedeckt und die Gläser auf die sonnige Fensterbank gestellt. Nach einigen Wochen hatte das Öl eine blutrote Farbe angenommen. Damit behandelte Mutter kleine Wunden, Prellungen, Verbrennungen und auch ihre Knie. Mit dem Rest der Kräuter machte sie sich im Winter Tee, den sie Wintersonne nannte, was ihn nicht besser schmecken ließ. Anna sah zu, wie die Mutter eine Kompresse im roten Öl tränkte und den geschwollenen Knöchel damit bedeckte. Dann riss sie das morsche Bettlaken in schmale Streifen, formte sie zu einer Rolle und wickelte diese mit geschickten Händen um Fuß und Knöchel ab.

„Übrigens war Bauer Erwin auch da. Er hat mich gefragt, warum du nicht mitgekommen bist, er hätte dich gern zu einer Bratwurst eingeladen und mit dir getanzt, hat er gesagt“, erzählte Anna.

Die Mutter stockte in ihrer Bewegung und sah die Tochter mit beleidigtem Seitenblick an.

„Nee danke! Lieber esse ich meine selbst gemachten Würste. Da weiß ich wenigstens was drin ist.“

Anna lachte. Sie wusste, worauf die Mutter anspielte. Damals hatte es einen Riesenskandal gegeben, denn Erwin war Witwer und der Tod seiner Ehefrau nie geklärt worden. Bei der Autopsie hatte der Gerichtsmediziner das Rattengift Strychnin im Urin gefunden. Erwin war anfangs wegen Mordverdacht festgenommen worden, aber weil ihm nichts nachzuweisen war, und der Hausarzt depressive Verstimmungen der Frau attestierte, wurde schließlich von Selbstmord ausgegangen. Es hieß, dass Erwin nur deswegen freigekommen war, weil er parteitreue Advokaten gehabt hatte.

Erwin war zu Hitlerzeiten als junger SA- Offizier ins Dorf gekommen, um das Bürgermeisteramt zu übernehmen. Kurz nach seiner Amtsübernahme, der bisherige Bürgermeister war einfach abgesetzt worden, hatte Erwin die Tochter des reichsten Bauern geheiratet. Die dralle kleine Käthe. Annas Mutter Franziska war gut mit ihr befreundet gewesen. Aber mit der Freundschaft war es vorbei, seitdem Franziska argwöhnte, dass Käthes Mann sie als Spitzel benutzte, um auszukundschaften, ob irgendwer mehr Schweine oder Hühner als erlaubt hielt. Sie hatte es Käthchen auf den Kopf hin zugesagt. Es konnte kaum Zufall gewesen sein, als damals, kurz nach ihrem Besuch bei Bauer Fransen, die Miliz bei ihm einbrach und alles kurz und klein schlug. Nicht nur die drei Schweine hatten sie ihm weggenommen und vor sich hergetrieben, sondern ihn gleich mit. Käthchen hatte den Verrat abgestritten, war heulend vom Hof gelaufen und Franziska hatte ihr hinterher geschrieen: „Ja, lauf nur, und lass dich hier nie wieder blicken!“

Nach Käthchens Tod hatte der vermögende Witwer den Bauernhof erst verkaufen und fortziehen wollen, denn die meisten Ortsansässigen waren ihm feindselig gesonnen. Aber laut Ehevertrag hatte er nur ein Nutzrecht und hätte, falls er gegangen wäre, den Hof verloren. So war er geblieben. War eifriger Kirchgänger geworden. Hatte, so anonym, das es sich wie ein Lauffeuer herumsprach, die neue Kirchglocke bezahlt, sowie die Renovierungsarbeiten der Schule. Hatte tadellos Haus und Hof zusammen mit zwei Knechten bestellt, die er großzügig entlohnte, und seiner Mutter, die zu ihm gezogen war, und die er jetzt pflegte. Kurzum, er war ein Vorbildbürger für jene im Ort geworden, die die Vergangenheit gern ruhen ließen. Aber Franziska vergaß und vergab nicht und hatte Erwins Werben nie erhört. Erwin hatte keine Kinder und fand, dass Franziska, die Kriegerwitwe war und ihre drei Kinder allein durchbrachte, einen Mann im Haus gebrauchen könnte. Franziska war anderer Meinung und sagte jetzt zu Anna:

„Den Erwin will ich nicht für Geld und gute Worte.“

Beide lachten.

Sie war jetzt fertig, steckte das zu einem Dreieck geformte Endstück zwischen zwei Wickelstreifen fest und räumte ab. Dann humpelten sie gemeinsam die steile ausgetretene Treppe zum ausgebauten Dachgeschoss hoch, in dem sich die Schlafzimmer befanden. Oben angekommen, wünschte Franziska ihrem Kind mit einem Kuss auf die Stirn Gute Nacht.

Zwischen kühlen Leinen liegend, träumte Anna mit offenen Augen. Von Enno. Sie hatte sich trotz seiner Schwäche sicher neben ihm gefühlt. Er war einen Kopf größer als sie, sein durchtrainierter sehniger Körper strahlte Stärke aus, sein Lachen klang offen, und als er sie unter dem Licht der häuslichen Laterne zum Abschied angesehen hatte, war ihr, als habe er sie mit samtblauem Blick gestreichelt. Sie erschauerte bei der Erinnerung. Der Bauch jubilierte so heftig, dass ihren Lippen ein Freudenjauchzer entfuhr. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und kicherte leise, sah zu ihrer jüngeren Schwester hinüber, die im gleichen Vollmond durchfluteten Zimmer schlief und gleichmäßig atmete.

Anna sehnte sich nach männlicher Geborgenheit. Sie dachte an ihren Vater, der in Stalingrad gefallen war. Schon wieder dieses Wort. Sie hatte sich vorgenommen es nicht wieder zu verwenden. Was hieß schon gefallen? Ihr Vater hatte sich sicher nicht stolpernd den Kopf am Bordstein aufgeschlagen. Dass, was viel wahrscheinlicher passiert war, konnte und mochte sie sich nicht ausmalen. Lieber verdrängen, was sie von Heimgekehrten über Eiseskälte, abgefrorene Finger oder Zehen, aus Hunger verzehrte Haustiere, vielleicht sogar Menschen, schlaflose Nächte im Schützengraben, oder an qualvollen Verletzungen dahinsiechenden Soldaten gehört hatte. Lieber den Worten der Mutter lauschen.

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