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Die dritte gescheiterte Beziehung reichte. Obwohl, Otto zählte nicht. Und das Scheitern der anderen beiden hatte sicher auch kaum an ihr gelegen. Oder etwa doch? War sie überhaupt beziehungsfähig? Dafür sprachen siebzehn Jahre Ehe, die ihr rückblickend wie im Flug vergangen waren, dennoch, eine unglaublich lange Zeit. Schmerzlich erinnerte sie sich der geopferten Jugend, gewidmet der Arbeit, dem Geld verdienen, den Kindern, dem Mann, und dann: alles verloren. Besonders hart: der Verlust der Kinder und deren Tränen, Vorhaltungen, Anschuldigungen, und deren Betteln die Mutter möge alles ungeschehen, wieder gut machen, und zurückkommen zum Vater. Doch sie, zwar geplagt von Selbstvorwürfen, hatte ihnen deutlich ein „entschuldigt, es geht nie wieder“, sagen müssen. Kein Gedanke daran, dass er Recht haben könne und dass sie nie und nimmer in der Lage sei einen Beruf auszuüben, um sich und die Kinder ernähren zu können. Einmal die Entscheidung gefällt ihn zu verlassen, war sie sich sicher gewesen es zu schaffen.
Im Moment fühlte sie sich sehr wohl allein. So wohl, dass sie sogar Verabredungen zum Ausgehen mit ihren Freundinnen ausschlug. Über ihre Argumente waren die Frauen beleidigt gewesen. Vielleicht, weil sie, allein stehend und auf der Suche, sich betroffen fühlten. Stefanie hatte ihnen versichert sie suche keinen neuen Partner. Wir suchen ja auch nicht, wollen nur ein wenig tanzen gehen, ein Bierchen trinken und uns amüsieren, hatte es geheißen. Doch Stefanie erklärte, das stimme nicht. Sie würden auffallen, wie jeder Mensch, der auf einen Partner scharf wäre. Es wäre ihnen anzusehen, an der Intensität, mit der ihre Augen das andere Geschlecht taxierten, an ihrer koketten Art zu reden und zu lachen. Wer sich davon angesprochen fühle, reagiere ebenfalls mit unverhohlenem Interesse. In einer Gruppe mannstoller Weiber würde sie ihnen nur den Spaß verderben, fand sie. Hinzu kam, dass eine kühle Haltung wie ihre auf Männer besonders anziehend zu wirken schien. Erfahrungsgemäß pflegten sie sich noch stärker ins Zeug zu legen, was die Freundinnen obendrein neidisch machen würde, was sie verschwieg. Nichts da. Lieber igelte sie sich zu Hause ein, las Bücher oder durchforstete das Internet.
Auch auf die E-Mail einer Chatterin, die fragte, ob es sich um eine selbst auferlegte Abstinenz handele, dass sie seit Monaten in keinem Chatraum mehr gesichtet würde, hatte sie schlichtweg mit ja geantwortet. Plötzlich empfand sie das als albern. Es lag schließlich an ihr, wie weit sie gehen und wie nah sie jemanden an sich heranlassen wollte. Sie hatte die Zügel in der Hand und konnte die Ereignisse lenken. So setzte sie sich erneut an den Mac und machte mit wachsender Genugtuung verbal Männer fertig, die sie für ihre gescheiterten Beziehungen bluten ließ. Doch auch hier stellte sich heraus, dass ihre eiskalten zynischen Kommentare eher der Erheiterung und dem Ansporn dienten, sie näher kennen lernen zu wollen. Sie bekam etliche PN mit recht eindeutigen Angeboten, wie Fragen, ob sie nicht Lust auf CS habe. Anfangs hatte sie keine Ahnung gehabt was die Buchstaben bedeuteten. Als ihr jemand erklärte, es handele sich um die Abkürzung für Cybersex, hatte Stefanie große Augen gemacht, sich schlapp gelacht, aber auch geekelt. Sie war romantisch veranlagt; von jener Natur menschlicher Empfindungen geprägt, die leidenschaftlich aber dennoch scheu sind, und denen eine erste, von edler Begeisterung erzeugte Blüte zugrunde lag, die sich bei den Worten CS in Nieswurz verwandelte. Mit entsprechendem Widerwillen lehnte sie daher diese Anfragen ab. Dennoch erlag sie irgendwann, ganz unter dem Bann eines unbekannten Zaubers stehend, der köstlichen Folter der Neugier, und ging mit einer Mischung aus Verwegenheit und Schüchternheit auf manche ein. Es fiel ihr nicht leicht, bar eines Gesichtes zu flirten. Anonym zu sein war allerdings ein Vorteil, und auch, dass sie dem virtuellen Gegenüber keine Rechenschaft darüber abzulegen brauchte, wie weit sie gehen wollte. Sie entschied. So inkognito ja oder nein zu sagen, tat gut. Oft lachte sie sich schief über die Ausdrucksweise erregter Männer und fand viel über deren sexuelle Vorlieben heraus; auch über ihre eigenen. Sie fragte sich, ob es generelle Vorlieben gab, oder diese daraus erwüchsen, dass sie im realen Leben selten erfüllt wurden. Oral und Analsex sowie Sex auf dem Küchentisch, auf einem Stuhl, Sessel oder Sofa oder in der Öffentlichkeit waren am Meisten gefragt. Gewalt versuchte keiner anzuwenden; nur einer schrieb: Ich fick dich jetzt durch du Sau!
Einmal bekam sie sogar einen Orgasmus. Das war bei einem Chatter, mit dem sie sich bislang nur über Psychologie, Politik oder Bratkartoffeln ausgetauscht hatte. In der Statusanzeige stand: theo schreibt gerade eine Nachricht. Theo war sein Nickname, in Wahrheit hieß Theo Oskar. Angeblich.
theo: liebe - andreas-salomè: wieso wir aus unserer selbstliebe, (.....die heißt: libido, lebensenergie), wieso wir eigentlich zu einer libidonösen besetzung der objekte kommen, in objektliebe hinaus stoßen, ist ausdruck der spezifischen libidotendenz "ich-grenzen" zu überschreiten und mit der vereinnahmung (leide-form des nehmens) des objekts im gemeinsamen ursprung aufzugehen, (was in dieser objekt-besetzung faktisch sich vollzieht, ist ein versuch (leideform des suchens), etwas ähnliches wie den alten zusammenschluß auf neuem wege zu erreichen....die beste definition von liebe, die ich bisher fand und meinem fuehlen wie denken entspricht steff_4u: ja.....zu wachsen....mit der Vereinnahmung des(r) Geliebten.....über sich hinaus..... theo: n bisken verschraubt beschrieben von der lieben gefährtin rilkes wie nietzsches und altersstudentin bei freud aber als frau zur zeugin unverdaechtig steff_4u: frauenhasser.....der olle Kerl.. theo: lies den ma primaer, dann musste dich bei dem ollen entschuldigen ..posthum! die salomè war in deren zeit ne progressive emanze, und die mochte alle drei, weil sie die zusammenhänge erliebte ..wie erlebte. steff_4u: ideale Besetzung theo: sie is die frau mit der peitsche, wusstest du das? steff_4u: ja theo: auch das das n joke der troika war? steff_4u: nein! theo: siehste! steff_4u: was? theo: kolportiert wurde nur nietzsches: wenn du zum weibe gehst und die geschichte dazu nich! steff_4u: so entsteht Geschichte... theo: is wie mit: stell dir vor es is krieg und keiner geht ... hin steff_4u: Luxemburg, Rosa theo : .... ohne den nachsatz von brecht ...dann kommt der krieg zu dir.
Irgendwann schrieben sie über ihre realen Beziehungen zum anderen Geschlecht. Fragten sich, warum Männer und Frauen so unterschiedlich wären, und ob das überhaupt stimme, vor allem was sexuelle Bedürfnisse anginge. Er fand, die meisten Frauen seien Heuchlerinnen, und so verklemmt, dass sie sich ihre sexuelle Lust nicht einmal vor sich selbst eingestünden, diese aber doch da wäre. Und dann würfen sie den Männern vor, diese dächten nur mit dem Schwanz. Und außerdem machten sie den Mann für nicht bekommene Orgasmen verantwortlich. Stefanie hatte gelacht als sie seine Worte las. Da klang viel Frust durch. Nicht alle Frauen dächten wie er sie beschrieb, tippte sie. Für sie nähme Sex einen wichtigen Platz in einer Beziehung ein. Auch fühle sie sich allein verantwortlich für ihren Orgasmus, denn wer besser als die Frau selbst wüsste, an welcher Stelle sie besondere Lust empfände. Scham sei es womöglich, Prüderie, dass viele Frauen sich nicht vor einem Mann selbst berührten. Trotzdem …männer denken doch eher mit dem schwanz, hatte sie hinzugefügt. Im Chat schrieb sie meist klein, das ging schneller. Er hatte einen Smiley getippt. Im Chatfenster erschien, dass er ihre Offenheit toll fände und fragte, ab welchem Zeitpunkt denn für sie so eine Vertrautheit in einer Beziehung möglich wäre. Stefanie wandte den Kopf vom Monitor ab, griff zum langstieligen Glas, dem letzten einer Serie von sechsen, das etliche Umzüge überlebt hatte. Die leichte Drehung des Stiels zwischen den Fingern ließen den Wein im Kelch vibrieren. Rote Reflexe huschten funkelnd über die Tastatur. Sie hob das Glas, prostete theo schweigend zu, setzte den filigranen Rand an den Mund, und benetzte die Oberlippe mit dem Wein, der warm durch ihre Kehle floss. Nach einem weiteren, diesmal tieferen Schluck, setzte sie das Glas zurück auf die Kommode an der sie saß, und die sie selbst restauriert, mit Yves Klein- blau und orange dekoriert, und mit einer Zusatzplatte als Schreibtisch umgerüstet hatte. Sie drehte sich eine Zigarette, zündete sie an, und blies den Rauch über den Monitor hinweg, als wolle sie ihr fiktives Gegenüber vom Qualm verschonen. Eine Frage der Erziehung. Eigentlich ist die Antwort einfach, dachte sie. Es lag auf der Hand, dass Offenheit von Beginn an da sein sollte, es keine Tabus geben dürfe, wenn man eine Partnerschaft beginnt. Aber so einfach war es nur im Kopf, die Realität sah anders aus. Sie dachte an Emilio, ihren Ex-Mann, und wie sie letztendlich Sex mit ihm verabscheut hatte. Und warum? Weil er von Mal zu Mal mehr seine eigene Befriedigung gesucht hatte, und sich immer weniger Zeit dafür nahm, sie zu erregen. Und wenn sie selbst ihren Körper streichelte, hatte er sanft, doch bestimmt, ihre Hände weggenommen und seine kurzzeitig dorthin gelegt. Hatte sie ihm je gesagt, dass ihr das zu wenig war? Ja. Aber er änderte es nicht. Irgendwann hatte sie die Beine emotionslos für ihn gespreizt. Sie hätte öfter mit ihm drüber reden sollen. Oder darauf bestehen sollen sich ihre Lust selbst verschaffen zu dürfen. Warum hatte sie es nicht getan? Aus Scham. Und Angst, von ihrem streng religiösen Mann als Nutte bezeichnet zu werden, ein Wort, das er gern aussprach; anfangs als liebkosende Bezeichnung für ihre Bereitschaft zu Liebesspielen, später um sie zu erniedrigen. Stefanie nahm noch einen Schluck Wein und ließ die Zigarette ins Wasser des Sturmaschers plumpsen. Theo hatte Fragezeichen in das PM-Fenster getippt. Er wartete auf Antwort. …idealerweise ab dem ersten moment, aber ich hab grad gemerkt, dass es wahrscheinlich selten so ist… Und dann fragte er, ob es irgendwelche sexuellen Praktiken gäbe, die für sie Tabu wären. Sie überlegte. Eigentlich nicht. Nur Gewalt beim Sex mochte sie nicht. Sado-Maso Techniken so wenig wie Bondage und Fisting. Das hatte mit dem, was sie als Liebe zum Partner und dem Austausch sexueller Gelüste bezeichnete, nichts mehr zu tun. Mochten andere sich dafür erwärmen, sie nicht. …ja, tippte sie und ahnte, dass er wissen wollte, welche das waren. Sie hatte Recht, grinste, als sie die Frage las, und antwortete mit der Gegenfrage, warum er das wissen wolle, das sei ihr zu intim und ginge ihn nichts an. …aha, biste vielleicht doch so prüde wie alle anderen?... schrieb er. Stefanie fühlte sich provoziert, ahnte aber, dass er genau das erreichen wollte. …glaub was du willst, schrieb sie zurück und meldete sich tagelang nicht. Als sie wieder miteinander schrieben, knüpfte er ohne Umschweife am vergangenen Thema an, lobte erneut ihre Offenheit, erklärte, wie wichtig ihm aussagekräftige Antworten ihrerseits wären, denn ihm ginge es einzig darum, mehr über menschliches Verhalten im Allgemeinen und Besonderen zu erfahren, gerade hier im Chat, wo jeder viel musiziere und verliebte Verse mache um zu beeindrucken, zu blenden. Doch er sei anders, eine rein wissenschaftliche Neugierde treibe ihn. Und da schrieb sie über alles, was sie beim Sex gern mochte und was nicht, und er schrieb, er sähe das genauso und in dieser Hinsicht seien sie eigentlich ein perfektes Paar. Sie grinste in sich hinein und dachte bei sich, dass er es klug angestellt hatte, um sie doch so weit zu bekommen, wie er sie haben wollte. Ihre Hüften umwerbend, wanderte er mit virtuellen Zunge mal über ihren Bauch bis hoch zu den Brüsten, mal zwischen ihre Beine, und sie fühlte Wellen wonniger Schauer über ihren Körper laufen. Spürte, wie sich real ihre Brustwarzen versteiften, die Härchen der Hautoberfläche sich aufstellten, ihr Nacken kitzelte, als erlebe sie den Hauch seines Atems real an ihrem Ohr, wie die Feuchte zwischen ihren Schenkeln. Er war der einzige, der genau die Worte fand, die sie wirklich erregten, und es wunderte sie kaum, als ihren Körper ein ekstatisches Zucken durchfuhr. Doch die Erregung dauerte nur kurz, danach fühlte sie sich leer. Der wissenschaftliche Zweck war erfüllt, er bedankte sich, war auch zum Ziel gekommen.
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