a_Rectangle_5

Aus dem Leben einer deutschen Frau in Spanien

Lebensnahe, ohne je darauf bestanden zu haben, dass sie so fühlen oder empfinden müsste, maßte sie sich nicht an zu glauben, dass es auch ein Weg sei den andere gehen könnten, oder dass er gut sei. Allein der Wunsch nach ihrem Willen zu handeln, zu denken, machte sie frei und glücklich, auch in Schmerz oder Leid. Erkannte alles erlebte einfach an, ohne das Verlangen zu spüren etwas rückgängig, ungeschehen zu machen, und bestimmte reflektierend, es war nicht alles gut, doch es musste sein. Dank dieser Erfahrungen war sie dahin gekommen, wo sie war, nicht damit aussagen wollend, dass das heute und hier definitiv und richtig sei, sondern schlechterdings eine Station auf dem Weg im Leben. Ein Abschnitt von vielen, selten in eben jenen Momenten des Erlebens als solche wahrgenommen, sondern bestenfalls nachher. Sie betrachtete dieses Stückwerk wie in sich abgeschlossene Geschichten, mit kühnem Anfang, Trommel wirbelndem Höhepunkt und dramaturgisch ausgefallenem Finale; einem theaterähnlichen Script: mal Komödie, mal Trauerspiel, mal Groteske.

steff_4u

Eine dieser Geschichten begann im Chat. Diesem Instrument moderner Kommunikation per Internet, wo der eine hie, der andere irgendwo in der Welt, allein vor dem PC sitzt, und sich in virtuellen Räumen unter einem Pseudonym mit Fremden verständigt. Mancher redet gern oder spielt Musik ein, andere schreiben lieber, und wiederum andere haben einen Apple und können in jenen Tagen nur schreiben und zuhören. So wie Stefanie, die sich damals mit dem Nick steff_4u, magisch angezogen von der bislang unbekannten Variante Kontakte zu knüpfen, einem scheuen Waldtier gleich, das sich zum ersten Mal in einen befremdlichen Dschungel vorwagt, durch Räume tastete, neugierig und alle Nerven vor Erregung gespannt in diesem ihr unbekannten Terrain, prall gespickt mit gepfählten Worten wie LOL, ROFL oder CU, mit einem Sinn, nie zuvor gelesen. Ihr war, als sei sie auserwählt, Teilnehmerin einer sensationellen Expedition etwa, die einen Berg erobert hatte, so, als stünde sie hoch oben am Gipfelkreuz, über ihr nur noch Wolken von gebirgigem Weiß und ein ozonhaltiger Wind bliese ihr frisch um die Nase, deren Flügel sie weit blähte, bis die Lunge, zum Bersten gefüllt, wegen des aufkommenden Schwindels zum ausatmen zwang. Wie sie diesen unvergleichlichen Geruch von Abenteuer und Freiheit inhalierte, der sie taumeln machte und sich fühlen ließ wie ein kleines Mädchen das sich mit wirbelndem Röckchen im Kreis dreht, voller Schwung und Freude, immer im Kreis, unermüdlich weiter im Kreis wie ein Derwisch. Lachend, mit offenem Mund, sich mehr und mehr erheiternd über das Kitzeln im Bauch, das trippelnde Stakkato der Beine, die fliegenden Arme um einen Körper, der alles ist und nichts, der leicht wird, immer leichter, wie eine Feder, der fliegen könnte, vogelgleich, wenn er nur wollte. Ringsum strahlende Helligkeit, ein Funkeln und Sprühen in den Augen, geballte Energie in kontraktierten Muskeln, die danach schreien sich entladen zu können, hier und sofort und egal mit welchen Konsequenzen. Ah, welch Phantasmagorie ist jeder Anfang und alles Neue! Begeisterung und Neugierde blenden Gewöhnliches aus, das nur dann wieder zum Vorschein kommt, wenn die Beine erschöpft unter dem Körper zusammensacken, und ein letztes samtiges Glucksen durch die Kehle gurgelt. Ein kleines Glück, und, wie jedes, beseligend, doch kaum von langer Dauer. Der Taumel vergeht, der Kopf wird klarer, langsames Erwachen. Zurück bleibt eine geheiligte Erinnerung, über die sich bald der schale Geschmack der Realität breitet. Auch jetzt entpuppten sich die für beträchtlich gehaltenen Worte im Chat beim wiederholten Lesen als bare Floskeln, sowie endloses Grüssen und Verabschieden. Als  „hi“ und „bye“, und ein Deutsch voller Kalauer. Da legte sie das scheue Reh ab wie einen zu klein gewordenen Mantel aus dem sie herausgewachsen war, und schrieb schmunzelnd; hai und bai, sowie längere Wortspiele, die zu erheitern schienen. Bald grüssten Stammchatter sie herzlich. Unter ihnen herr_der_bienen, der ihr als erster eine private Nachricht, also PN schrieb. Da war dieses kleine Fenster, das sich plötzlich öffnete, und in dem eine Frage von ihm stand, die einzig sie lesen konnte. Welche es war, daran konnte sie sich nicht erinnern, womöglich war sie banal, doch dass sie antwortete, wenn auch mit gebührendem Abstand, kurz und knapp, mit einer Prise ironischem Humor, ist gewiss. Genau diese präzise heitere Schreibart, ihr schneller Witz, sei es, die bei ihm eine ungeahnte Schreibintensität auslöse, versicherte er, womit er ihre anfänglichen Gedanken, sie täte etwas Geheimes, gleichwohl unziemliches, leichthin wegspülte. So waren ihre wechselseitigen Worte, der Humor darin, ausschlaggebend dafür, dass sie sich fortan die Fingerkuppen schwielig tippten, und endlos über dieses und jenes Thema diskutierten. Eine Frau wie sie, habe er noch keine im Internet getroffen, er müsse sie kennen lernen, irgendwann, lobte er den Wunsch sie zu sehen, den sie als virtuelle Attraktion abtat, und überging. Telefonieren? Schon eher. Befremdlich drang seine Stimme an ihr Ohr, so ganz anders, als sie sich vorgestellt hatte. (Da war ein kaum zu überhörender Dialekt, welcher nur? Und warum war sie davon ausgegangen, dass er Hochdeutsch reden müsste, wie sie?) Es war nicht einfach seinen Wortschwall zu unterbrechen und auf einem kurzen Gespräch zu bestehen, vorzuschieben, sie telefoniere ungern und Auslandstelefonate seien teuer, was stimmte, aber eher noch wollte sie die Wärme abkühlen die ihr entgegenschlug, denn der Überschwang seiner Stimme verhieß ihr eine zu frühe Freundschaft, die sie mahnte, eine Distanz aufrecht zu erhalten. Die Skeptikerin in ihr. Womöglich reizte sie durch diese Zurückhaltung sein Entzücken noch mehr, denn nun umwarb er sie anhänglich wie ein glubschäugiger Mops, legte sich ihr schreibend zu Füssen und bettelte so hündisch um ihre Aufmerksamkeit, dass er ihr aufdringlich schien wie ein lästiges Tier das sie abwimmelte, bis sie von Tag zu Tag weicher wurde und ihm irgendwann den Kopf tätschelnd nachgab. Also durfte er sie auch in Calpe /Spanien besuchen, wo sie wohnte. Vom Flughafen Alicante aus fuhr er per Taxi ins „Le Vieux Bruxelles“, eine belgische Pension nahe dem Fischereihafen, wo sie ein Zimmer für ihn reserviert hatte. Im dazugehörigen Restaurant sahen sie sich nach ihrer Arbeit zum ersten Mal real. Schon durch das Oval des Chateau blanc der Eingangstür erkannte sie ihn sofort. Aber dann sah er doch ganz anders aus als vor der Webcam und sprach in diesem hessischen Dialekt, der ihr fremder vorkam, als je eine andere Fremdsprache, und der ihr am Telefon nicht eingefallen war. Außerdem hatte er gemogelt. So hoch wie sie sei er, hatte er gesagt, reichte ihr jedoch knapp bis zur Nase und wog mindestens zehn Kilo mehr. Nur Humor, Charme und Weltgewandtheit passten, stellte sie fest, während er, unbefangen trotz mangelnder Sprachkenntnisse, das Essen für beide bestellte, was der beflissene Andrés, kellnernder Inhaber des Lokals, mit belustigtem Seitenblick auf sie notierte. Sie kannten sich. Bislang hatte sie ihre Tischbegleitungen über Vorzüge der Speisenkarte aufgeklärt und die Bestellungen aufgegeben. Und so als wolle der herr_der_bienen, der im übrigen Otto hieß (sie war schon am Telefon zusammengezuckt, als er ihr seinen tatsächlichen Namen verraten hatte, und fand jetzt, dass dieser altmodische Name vortrefflich zu ihm passte), seine Salonfähigkeit unter Beweis stellen, sprach er die gewählten Gerichte französisch aus: der Belgier quittierte es mit seligem Mercí. Den hatte er schon in der Tasche. Sie beobachtete die Tischmanieren ihres Gegenübers aus den Augenwinkeln. Bestecke und Gläser lagen leicht in den Händen eines offensichtlich im Umgang geübten, klirrten weder unanständig laut, noch wurden sie überladen zum Munde geführt, der, zur rechten Zeit, im rechten Maß, mit der gefältelten Serviette betupft wurde. Dennoch lag in seinem Gebaren eine gewisse Hast, die sich durch sprühende Redeweise steigerte, wie ein unbezähmter Drang sowohl lebenswichtiges mitteilen, als ihr auch gefallen zu wollen. Sie lächelte geschmeichelt, bis zu dem Moment wo er beteuerte, es handele sich um keinen bloßen Besuch, er wolle einen Job suchen und bleiben, und er echauffierte sich über die Bestürzung in ihrem Blick. Er habe es doch im Chat angedeutet, ihr von einem Plan berichtet, jaja, sie habe ihm aus etlichen Gründen abgeraten und es wohl nicht für bare Münze genommen, aber er sei fest entschlossen. Sie starrte ihn unsicher an, rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, überlegte, ob sie ihm Hoffnungen auf ein Zusammenleben gemacht hatte, ob er ihre Worte anders interpretiert haben könnte, als sie sie gemeint hatte, und dass sie ihn jetzt wegen eines Missverständnisses auf dem Hals hatte. Ihr Glas klirrte, als das Messer aus zittriger Hand daran schlug, und der Wein kräuselte sich, wie ihre Stirn als sie fragte, was das zu bedeuten habe, sie könne, noch wolle die Verantwortung für ihn übernehmen. Die sei auch sein Bier. Aber dann trank er lieber Wein. Frohlockte, weil der billig war.

Es war Ende April. Regnete viel, entgegen dem, was Touristen über Regenschirme in Spanien singen. Die Wände seines Zimmers waren feucht und die Anzüge im Schrank rochen bald nach Muff. So stinkend würde er kaum einen Job bekommen, klagte er. Ob er nicht zu ihr ziehen könne, sie habe doch ein Gästezimmer. Er würde ihr das Geld geben, das er für die Pension zahle und koche gut. Ihr Gehalt war knapp, das Zimmer frei, und dazu noch ihr schlechtes Gewissen. Sie sei nicht verliebt, räumte sie ein, es handele sich lediglich um eine Zweckgemeinschaft, und als er zustimmte, das Gästezimmer aus. Otto hielt ihr fortan jede Tür auf, riss sich darum sämtliche Einkaufstaschen zu schleppen, auf eine so unnatürlich zuvorkommende Art, dass es einige Wochen dauerte, bis sie sich lächerlich fühlte wie eine Herrin mit ihrem Lakai, und es sich verbat. Er entschuldigte sich angelegentlich, tat es dennoch weiterhin. Wenn sie abgespannt von der Arbeit kam, duftete ihr das Essen entgegen, der Tisch war mit Decke, die Teller mit wohlschmeckenden Speisen dekoriert. Das Auge isst mit. Doch er nahm ihre Müdigkeit nicht wahr, oder übersah diese geflissentlich, nötigte sie zu kosten, zuzugreifen, während er ohne Punkt und Komma redete und sie lustlos im Essen wie in seiner Vergangenheit rumstocherte: Gut bezahlte Arbeit als Netzwerktechniker bei einer deutschen Bank. Zwanzig Jahre lang mit einer zehn Jahre älteren Frau zusammen gelebt, und deren gemeinsamen 19jährigen Tochter, die sein Geld mehr liebte als ihn. Ohne Streit getrennt. Seit acht Monaten allein lebend. Haus, Bankkonto, Auto und den irischen Setter „Fox“ ihnen überlassen, bevor er nach Spanien zog. Sie erinnerte sich an die zwei ausgebeulten Koffer die er mitgebracht hatte. Aus braunem Leder, die Ecken abgewetzt, einer der Riemen notdürftig mit rotem Zwirn zusammengenäht. Etliche Anzüge, Oberhemden oder Krawatten, die er aus ihnen hervorzauberte, wie Mary Poppins aus ihrer unerschöpflichen Reisetasche, waren, bei genauerer Betrachtung, tatsächlich unterschiedlich, wirkten jedoch alle gleich: altmodisch und abgetragen.

Der Juni kam mit lauwarmen Nächten daher, in denen sie bis in den Morgen hinein auf der Terrasse saßen, die, seitlich ans Haus gebaut, den Blick nach vorn zum Meer freigab. Rechterhand, sowie zur Strasse hin, war sie von hohen Zypressen gesäumt, üppig überwuchert von Glyzinien Jasmin und Trompetenblumen, und deren, bei leichtem Wind wie bunter Schnee fallende Blüten auf den spärlich mit Kakteen, niederen Palmenarten und Oleanderbüschen bewachsenen Beeten darunter, einen schillernden Teppich legten. Sie redeten, tranken Wein und rauchten. Otto redete und trank besonders viel, drei Flaschen Wein an einem Abend waren gar nichts; rauchte zwei Päckchen Fortuna dazu. Je mehr Alkohol durch seine Adern floss, desto gestenreicher wurden seine gestauchten Hände mit den schwulstigen Fingern, und je selbstherrlicher er wurde, umso einsilbiger wurde sie, die in Gedanken die Flugbahn fallender Blüten kalkulierte, und gerade überlegte, ob Küchenkräuter wie Rosmarin, Thymian, Estragon, Salbei, Liebstöckel und Melisse neben dem schattigen Oleander gedeihen würden, als er damit loslegte, was er handwerklich alles drauf habe. Decken vertäfeln, Teppich verlegen, tapezieren, streichen, kurzum, dagegen waren Andere Nieten. Ob er ihre geistige Abwesenheit bemerkt, die plätschernde Eintönigkeit seiner leeren Phrasen unterbrechen, und sie mit der gewaltigen Disharmonie dieser Aussage in die Realität zurückholen wollte? Mit bis zu Schlitzen verengten Augen starrte sie ihn an, versuchte den Sinn zu verstehen, unschlüssig darüber, ob er die Worte ernst meinte. Sein forscher Blick erwartete Zustimmung. Menschen schienen unterschiedliche Auffassungen von ihren Talenten zu haben, als auch eine verwirrende Einschätzung ihrer Selbst, stellte sie fest, und erinnerte sich daran, wie er ihr beim Aufbau eines Bettes selbiges verschrottet, und eine Steckdose statt festzuschrauben untauglich gemacht hatte. Sie sagte nichts. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie eine Beziehung für möglich hielt, und trotzdem sie ihn nicht liebte, dachte: Was nicht ist, kann vielleicht noch werden, doch nun wusste sie, es war wie es war und würde sich nicht ändern. Im Gegenteil quirlten seine Worte eine Gischt von galligem Unwillen in ihr auf, die sich mit jeder ausgesprochenen Silbe mehr aufbäumte, bis auf einer anfänglich silbrigen Woge die gefährlich glitzernde Schaumkrone eines sich höher und höher auftürmenden Brechers thronte. Aufhören, aufhören, tobte es in ihr, oder ich lade unbarmherzig diesen tosenden Brecher über dir ab! Bleib gerecht, mahnte sie sich, verlier nicht den Sinn für Proportion! Er hat es nicht anders verdient, schrie eine andere Stimme in ihr! Und während er noch gestenreich weiterschwelgte, räusperte sie sich leise; er hielt sofort inne, lächelte ihr aufmunternd zu, nichts ahnend. Einerseits tat er ihr deswegen leid, andererseits genoss sie das Gefühl der Macht des Wissenden über den Ahnungslosen, als sie mit herber Stimme bat, er möge sich nach einer anderen Wohnung umsehen. Worte, wie Peitschenhiebe, unter denen er getroffen zusammenzuckte. Seine kurzsichtigen blauen Augen hinter der auf intellektuell getrimmten Titanbrille starrten sekundenlang ins Leere, traten dann mächtig hervor, als wollten sie eine Leinwand mit wasserfarbenem Blick überschwemmen, er jappte nach Atem, verschluckte sich an tief eingeholter Luft, sagte nach einigem Hüsteln mit säuerlicher Stimme, warum gerade jetzt.

Sie liebe ihn nicht, wie er wisse. Es würde ihr auch immer klarer, dass sie vergeblich auf andere Gefühle warte, und fände es unfair, ihm Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft zu machen. Es sei besser sich jetzt zu trennen, als später, wenn sie den Richtigen fände. Sie registrierte mit niedriger Genugtuung die Pause des eingesunkenen Gegenübers, das sie endlich zum Schweigen gebracht hatte. Doch da redete er schon weiter: Ob es einen Anderen gäbe. Sie verneinte. Warum er dann nicht bei ihr wohnen könne bis sie einen fände. Sie drehte die Augen gen Himmel. Und überhaupt, was böten ihr andere, was er ihr nicht gäbe. Sie sah an ihm vorbei, um Haltung zu bewahren, um nicht laut loszulachen. Seine Frage schien ihr blanker Hohn. Ob er sich wohl noch nie ernsthaft im Spiegel betrachtet hatte? Otto stand zitternd vor ihr. Sein aufgedunsenes Gesicht mit den Pockennarben, geädert und mit roten Flecken übersät, die fleischige Knollennase, die vollen Backen mit den drei Warzen und wie Reißzwecken gespickten Haaren darauf, sowie der gut gemästete Schwabbelbauch der untersetzten, plumpen Gestalt tanzten mit. Der ganze Mann wackelte vor sichtlicher Erregung. Wackeldackel, fiel ihr ein und sie schämte sich deswegen ein wenig. Wer war sie, dass sie sich erlauben durfte so zu urteilen? Sah sie so viel besser aus als er? Definitiv: ja! Ihr Gesicht zierte zwar eine etwas zu breit geratene großporige Nase, die Augen waren für ihren Geschmack zu klein und der Mund zu dünnlippig, doch alles in allem fand sie sich attraktiv. Jedenfalls attraktiver als ihn. Doch es war nicht allein sein Aussehen das sie abstieß. Sie pflegte sich, duschte an besonders heißen Tagen bis zu drei Mal am Tag, wechselte täglich ihre gesamte Wäsche, achtete auf ihre Kleidung, Finger -und Fußnägel waren akkurat getrimmt, die Haare schnitt sie sich selbst und tönte sie, als sie feststellte, dass die staubfarbenen Haare sie um etliches älter machten als sie sich fühlte. Warum war es ihm egal mit verschlissenen zu kurzen Hosen, fettigem Haar und Dreitagebart rum zu laufen, was ihn aussehen ließ wie ein Alkoholiker, wonach er außerdem roch? Stefanie mochte selbstsichere Menschen, aber dass er sogar tat, als sei er der Größte, Beste und Schönste, und als könne ihm niemand das Wasser reichen, fand sie absurd. Woher er seine Sicherheit nahm war ihr schleierhaft.

Sein Gesicht rötete sich zusehends. Ihr wurde klar, dass sie ihre Entscheidung schon zu einem früheren Zeitpunkt als an diesem Abend getroffen haben musste, konnte sich jedoch nicht erinnern, wann genau das gewesen war. Sie schien nur auf die geeignete Situation gewartet zu haben, und es kam ihr fast vor wie schäbige Absicht, es jetzt, nach der dritten Flasche Wein zu tun, vielleicht weil sie gehofft hatte er würde es in dieser Phase grenzenloser Selbstbeweihräucherung leichter nehmen. Da schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Gläser auf dem massiven Marmortisch klirrten zwar nur leicht, doch sie zuckte zusammen. Eisige Kälte durchfuhr ihren Körper.

„Du hast mir die ganze Zeit etwas vorgemacht!“ brüllte er.

Stefanie schluckte.

„Ich habe dir immer offen gesagt, was ich für dich empfinde.“

„Du wolltest nur Zeit raus schinden und hast mich hingehalten!“

Je lauter er schrie, desto ruhiger wurde sie.

„Aber ich habe dich doch nicht angelogen, oder? Es war ein Versuch. Du wusstest das. Wir haben zusammen gelebt und ich habe mit der Zeit gefühlt, dass bei mir keine Liebe aufgekommen ist, das ist alles. Und nun bitte ich dich zu gehen, bevor du dich zu sehr an mich gewöhnst und bevor ich den „Richtigen“ treffe. Ich will dir nur nicht wehtun!“ sagte sie sperrig.

„Zeit, Zeit! Was ist schon Zeit?“ murmelte er, dann wieder laut werdend, „diese drei Monate die wir zusammen leben sind doch gar nichts. Ein Augenaufschlag am Alter der Welt gemessen. Du willst es gar nicht richtig probieren! Hier, sieh wie viel mir messbare Zeit wert ist!“ fasste sich ans Handgelenk, riss die Luxusuhrimitation, die er für 40 Euro bei einem Afrikaner am Strand gekauft hatte, ab, und schleuderte sie in den schwarzen Garten. Es knackte im Oleander. Stefanie merkte sich die Stelle wo sie aufgeschlagen war, für den Fall, dass er sie am nächsten Tag vermissen würde, und verdrehte erneut die Augen.

„Du bist hochmütig, ja, eine Narzisstin. Du kommst dir als was Besseres vor und wartest auf den goldenen Prinzen hoch auf stolzem Ross, gibs zu!“ giftete er, doch Stefanie versicherte, sie habe von dessen Anmut nichts gewusst. Sie habe Narziss nur darum geliebt, weil sie ihre eigene Schönheit in dessen Augen gespiegelt gesehen habe.

In dem Moment schellte das Telefon.

 

weiter zu Kapitel 2 >>

a_Rectangle_5
[Eingangsseite] [Home] [Bilder Html] [-Erotik-] [-Natur-] [-Surreal-] [-Mystik-] [Naturbilder] [Surrealistisch] [Mystisches] [Bilder Flash] [Erotik] [Natur] [Surreal] [Mystik] [Fotogalerien] [MaiRauschen] [Vita] [- Ausstellungen -] [Vernissage Stufen] [Schriftmalerei] [Kapitel 1] [Kapitel 2] [Kapitel 3] [Kapitel 4] [Kapitel 5] [Reportagen] [Reportagen II] [Disclaimer] [Impressum]

Sitemap mit Vorschaubildern der einzelnen Webseiten

Email Adresse